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DIE HÖLLE IST DA - und alle schauen zu

3. Der Psychiatrie-Holocaust der "zivilisierten" Welt mit Vorreiter Schweiz

Sterilisierungen und Euthanasie in Zürich

von Michael Palomino (2002 / 2008 / 2010); Meldungen

Psychiatrie
              Burghölzli um 1900, ein eingemauertes Hotel für
              medizinische Zwangsexperimente
Die Psychiatrie Burghölzli um 1900, ein eingemauertes Hotel für medizinische Zwangsexperimente.

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Quelle:

Thomas Huonker
: "Anstaltseinweisungen, Kindswegnahmen, Eheverbote, Sterilisationen, Kastrationen. Fürsorge, Zwangsmassnahmen, "Eugenik" und Psychiatrie in Zürich zwischen 1890 und 1970." Sozialdepartement der Stadt Zürich, Departementssekretariat, Postfach, 8026 Zürich;  Edition Sozialpolitik Nr. 7, Sozialberichterstattung 2002



Die Erfindung der Krankheit "Schizophrenie" in Zürich

Wer ein auffälliges Verhalten innerhalb der Gesellschaft zeigt, das mir nicht passt, hat eine "Krankheit" im Geist. So ähnlich definierten die Ärzte der neuen "psychologischen" Studienrichtungen in Zürich Ende des 19.Jh. die "geistig Abnormen". Eugen Bleuler, 1898-1926 Direktor am Burghölzli, Universitätsprofessor der Eugenik in Zürich, definierte dafür im Jahr 1911 das Wort "Schizophrenie" (Huonker, S.101).

[Die Frage, welche Faktoren von aussen zu einem "schizophrenen" Verhalten führen, darf nicht gestellt werden...]


Die Entstehung der Praxis der Sterilisierung und Tötung von Psychiatriepatienten mit Zentrum Zürich ab 1870 (Euthanasie)

Der normale religiöse Rassismus und die Verfolgungsmethoden gegen die Täufer als Vorbild zur Verfolgung der "geistig Abnormen"

Schon seit es "Glauben" gibt, werden Mehrheiten und Minderheiten definiert. Die Kirche bezeichnet Abweichler heute noch als "Sekten". Die Bibel spricht bei Andersgläubigen von "Ungläubigen". Wer erwischt wurde und sich und seine andersartigen Bräuche nicht versteckte, konnte dabei weit bis ins 18.Jh. zum Tode verurteilt werden, zumindest aber vertrieben werden, so dass der Glaubensgruppe auf jeden Fall die Lebensbedingungen erschwert werden sollten. Den Täufern im Kanton Zürich wurden 1639 die Vermögen konfisziert (Huonker, S.12) und den Täuferfamilien die Kinder weggenommen (Huonker, S.34). Züchtigungsmethoden gegen die Täufer waren  "Fusseisen",  Schläge, Ketten, Halseisen, Schandgeräte tragen, "Töiferhüsli für gar Halsstarrige", Zwangsarbeit in einer "Fabrik", "Schandpfahl"  (Huonker, S.11)  oder sogar  sexueller Missbrauch (Huonker, S.12).

Der Kirchenrassismus gegen Andersgläubige wurde von den Regierungen auf ganze Volksgruppen übertragen, die nicht ins wirtschaftliche Konzept der Ökonomen passten. Opfer waren v.a. die Wandervölker. In Österreich-Ungarn liess die ansonsten immer als "tolerant" hoch gelobte Kaiserin Maria-Theresia auch bei den Roma die Kinder zwecks Umerziehung von ihren Eltern isolieren und "umerziehen" (Huonker, S.34).


Legale Vererbungslehre und Sterilisierungen bis in die 1970er Jahre

Beide Fälle haben eines gemeinsam: Ein Verhalten wurde als "krank" definiert, und Menschen wurde eine andere Wesensart aufgezwungen. Dieses Definitionsverfahren erfuhr ab 1800 eine Systematisierung und bekam das Prädikat "wissenschaftlich". Dabei gingen die "Wissenschaftler" von der "Normalität" des Verhaltens der Menschen der kapitalistisch-christlichen katholischen oder protestantischen Gesellschaft aus. Gleichzeitig wurden viele Verhaltensformen damals noch - wie viele Krankheiten auch - als erblich angesehen. Die so genannte "Psychologie" beging dabei bis 1945 nicht nur in Deutschland schlimmste Verbrechen. Nach 1945 führten viele "Psychiater" ihre Vererbungsexperimente und Sterilisierungspraxis bis in die 1970er Jahre weiter, mit dem Segen von Justiz und Regierungen. Die Mediziner konnten dabei immer angeben, ein Experiment oder eine Sterilisierung im Sinne des "Fortschritts" durchzuführen. Das Buch von Huonker hat dabei den Schwerpunkt auf die Schweiz, speziell die Psychiater-Rassisten in Zürich gerichtet. Arbeiten über die Psychiatrien der anderen europäischen Länder stehen bis heute aus, auch die Rolle der Kirche zum darwinistisch-psychiatrischen Rassismus.


Beispiele falscher Diagnosen: Kropf erblich, Sexualität krank, "irre" - Kastrationsgesetze in den "USA"

im 19.Jh. wurde z.B. der Kropf als erblich angesehen (Huonker, S.63).  Im frühen 19.Jh. wurden in Luzern jenische Familien verfolgt (Huonker, S.34). James Cowles Prichard definierte im frühen 19.Jh. die Diagnose "moral insanity", was der Rebellion gegen die rigiden kirchlichen Sexualvorstellung entsprach (Huonker, S.104),  und Zürich eröffnete 1812 im ehemaligen Predigerkloster sein erstes "Irrenhaus" Baumgarten (Huonker, S.13). Ab 1840 entwickelte die Industrialisierung in Zürich eine neue verdächtige Armut durch Hungerlöhne und zusätzliche Strukturumbrüche in der Gesellschaft, so dass zur Abhilfe private Organisationen gegründet wurden, die sich um die Zürcher ohne Zürcher Bürgerrecht kümmerten, weil diese von der Stadt keine Unterstützung erhielten (Huonker, S.14-15).


vergrössernAlbrecht Erlenmeyer, Portrait, Freimaurer und Leiter einer "Anstalt für Gemütskranke" in Bendorf.x

Albrecht Erlenmeyer, Portrait,
                            Freimaurer und Leiter einer "Anstalt
                            für Gemütskranke" in Bendorf


    
Ab Mitte des 19.Jh. existierten in der Psychiatrie verschiedene Definitionen von "irre" (Huonker, S.76). 1855 führte der "amerikanische" Bundesstaat Kansas das erste Kastrationsgesetz ein gegen "Neger oder Mulatten für Notzuchtsverbrechen an weissen Frauen" (Huonker, S.61). Die weissen Vergewaltiger hingegen waren offensichtlich nicht von Kastration betroffen. Für die "USA" werden für 1855-1980 ca. 60.000 Sterilisierungen geschätzt (Huonker, S.61). Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches betragen.

1863 gab Albrecht Erlenmeyer ein Werk über die "Irren" heraus (Erlenmeyer Albrecht: Übersicht der öffentlichen und privaten Irren- und Idiotenanstalten, Neuwied 1863),  woraus zu entnehmen ist, dass im Kanton Schwyz einer von 850, im Kanton Zürich einer von 228, und im Kanton Bern einer von 218 "irre" sei. Je nach Kanton dürften aber verschiedene Massstäbe für "irre" angewandt worden sein, und wo mehr Irrenanstalten existierten, gab es auch mehr "Irre" (Huonker, S.78).


Psychiatrie Burghölzli in Zürich ab 1870 - neue Definition von Krankheiten: Onanie, Hysterie, Lasterhaftigkeit und Nymphomanie

1867 wurde im Kanton Zürich die Irrenanstalt des Prediger-Spitals aufgelöst und die Psychiatrie Rheinau eröffnet. 1870 eröffnete in Zürich die grosse Psychiatrie Burghölzli (Huonker, S.13), und fortan konnten die dortigen Chefpsychiater den Terror an Menschen vollziehen, um diese in sozialdarwinistischer Manier von einem niederen in einen höheren "Zustand" zu bringen (Huonker, S.14). Als Ideal galten die kirchlichen Sittengesetze, so dass Onanie als Krankheit galt, die von Rückenmarkschäden und Geisteskrankheiten verursacht sei. Mit Kastrationen und Sterilisationen glaubten die Psychiater, Onanie "heilen" zu können (Huonker, S.153). Bei Frauen wurde Onanie ebenfalls mit Kastration, dann aber gleich mit Klitorisentfernung "geheilt". Frauen wurde auch die Krankheit "Hysterie" angedichtet, die angeblich von der Gebärmutter (lateinisch: "hystera") ausgehe. Neu definierte "Krankheiten" waren auch Lasterhaftigkeit, Nymphomanie sowie die Onanie als "Masturbatory Insanity" (Huonker, S.154).


Die Erpressung zur Kastration gegen geduldete Freiheit - die Staatsanwaltschaft deckt die Verwahrung

    

Kastrationsinstrumente
Kastrationsinstrumente

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Tobsucht, Epilepsie, Neigung zu körperlicher Gewaltanwendung, Exhibitionismus und Homosexualität wurden schweizweit mit therapeutischen Experimenten und Kastrationen "behandelt", wie auch in vielen anderen Ländern  (Huonker, S.153), ohne jede gesetzliche Grundlage, vom Staatsanwalt jeweils gebilligt. Auch Pädosexuelle wurden kastriert (Huonker, S.156). Die Psychiater stellten fest, dass Kastrationen z.T. gegen Exhibitionismus ein "wirksames" Mittel waren (Huonker, S.160). Die Praxis war Erpressung: Der/die Betroffene konnte nur zwischen Kastration oder Dauerinternierung wählen bzw. Kastration wurde mit "Freiheit" belohnt (Huonker, S.157).

Gegen einen Beschluss zur "Verwahrung" gab es keine Rekursmöglichkeit, weil die Verwahrung ohne gesetzliche Grundlage, aber vom Staatsanwalt gebilligt war (Huonker, S.164). Dadurch konnte der Staat unliebsame Menschen hinter Mauern und Stacheldraht der Psychiatrie  "lebendig begraben" (Huonker, S.165; siehe auch: Segessemann, E.: "Seelenmord" 1912). Zum Teil kam es zu Racheakten von Kastrierten gegen die "Psychiater" (Huonker, S.156). Der bayrische König Ludwig II. erwürgte den Direktor des Burghölzli, Bernhard von Gudden, und beging anschliessend Selbstmord. Friedrich Ris, Leiter der Klinik Rheinau, verlor durch die Attacke eines Rheinau-Patienten ein Auge (Huonker, S.146). Darüberhinaus waren Liebesbeziehungen in der Klinik verboten und wurden mit Isolation bestraft (Huonker, S.159).


Die Rassenhygiene von Nietzsche mit Prostitution - der Darwinismus definiert "wilde Rassen"

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Friedrich Nietzsche, Vordenker der
                          Rassenhygiene, Dulder der Prostitution
Friedrich Nietzsche, Vordenker der Rassenhygiene, Dulder der Prostitution.

  
In den 1870er Jahren war Friedrich Nietzsche ein Vordenker der "Rassenhygiene". Er wünschte das  "Aussterben vieler Arten von Menschen", duldete aber gleichsam die Prostitution als ausgleichendes Element zur starren Ehe (Huonker, S.87).

Der Darwinismus formulierte das Ziel, die "Wilden Rassen" auszurotten (Huonker, S.59). Die Rassenygiene-Gedanken und der Darwinismus trieben in den "USA" die Sterilisationen an Schwarzen, Latinos und Indianern voran, an denen bis 1985 festgehalten wurde (Huonker, S.60). Im Zuge des Kolonialismus wurden in Europa afrikanische Tanzgruppen bis in die 1930er Jahre in Zoos "gehalten" und die Schwarzen als "Halbtiere" bezeichnet, während der Zoo mit den Schwarzen Profit machte. Gleichzeitig wurden wildes Tanzen in Europa immer verpönter und verachtet.

Im Kanton Zürich schuf 1877 immerhin ein Fabrikgesetz eine minimale Grundlage für die Notsituation der Arbeiter, das aber nur teilweise eine Umsetzung erfuhr (Huonker, S.15). Die Gegenbewegung der Rechtsparteien gegen die Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter und Arbeiterinnen kam ab 1880, so dass alle sozialen Postulate abgelehnt wurden und so die Armut weiter gefördert wurde: Ablehnung einer staatlichen Sozialversicherung, Ablehnung geregelter Familienplanung, Ablehnung von Mutterschaftsurlaub, Ablehnung von Kinderzulagen, Ablehnung von Kinderkrippen (Huonker, S.15). Die Industrialisierung zerstörte ganze Familien mit den logischen psychischen Folgen für die Betroffenen, so dass diese "vom Amt" kategorisiert wurden in "ungesunde Verhältnisse",  "Verwahrlosung",  "Vernachlässigung",  "sanierungsbedürftiges Milieu" etc. (Huonker, S.16).  Die Industrialisierung der Reichen brachte selbst das hervor, was ab 1880 als "defekte" oder "erblich minderwertige" Psyche bezeichnet wurde (Huonker, S.27).

Die Reichen wurden dabei nie als psychisch krank angesehen. De-facto-Sklaverei galt nicht als krank...


Die Sterilisation im Namen von Forels Behauptung, "Geisteskrankheiten" seien erblich

Um 1880 wurde der Darwinismus durch Darwins Vetter Francis Galton modifiziert und "minderwertige" Menschen auf "wissenschaftlicher" Basis zum "Ausmerzen" freigegeben (Huonker, S.59).  Schweizer Darwinist in führender Position war der Ameisenforscher und Alkoholgegner August Forel (Huonker, S.59). These Forels war, Geisteskrankheiten seien erblich und zur Verhinderung der Weiterverbreitung die Sterilisation der Betroffenen notwendig (Huonker, S.60). In der Folge wurden Sterilisationen im Namen der "Vererbung" unter August Forel ab 1885 oder 1892 (ist umstritten) in der Schweiz gängige Praxis (Huonker, S.61).

Darwinist und Rassist Francis
                          Galton, Portrait Darwinist und Rassist Francis Galton in England, der die "minderwertigen Rassen" zur Ausrottung freigibt, Portrait.
August Forel, Rassist und
                          Sterilisationsbefürworter






August Forel, Rassist und Sterilisationsbefürworter
in Zürich, Portrait.


Die Definition der Jenischen als Erbkrankheit - Beginn der negativen "Stammbaumforschung" durch Johann Benedikt Jörger

Diese neue Spielart des Darwinismus liess die Lebenseinstellung der Jenischen bzw. der abschätzig als "Vaganten" bezeichneten Menschen als Erbkrankheit erscheinen. Der Leiter der Klinik Waldhaus in Chur, Johann Benedikt Jörger, führte gegen diese Volksgruppen die "Stammbaumforschung" ein (Huonker, S.78) und wurde so zum Vorbild für das 3.Reich (Huonker, S.79) sowie für die weiss-rassistischen "USA".

Wandervolk Jenische mit Pferdewagen.
                            Ein "Wandervolk" zu sein soll eine
                            Erbkrankheit sein.
Wandervolk Jenische mit Pferdewagen. Ein "Wandervolk" zu sein soll eine Erbkrankheit sein.
Psychiatrische Klinik
                          Waldhaus in Chur, steriler Innenhof. Ein solch
                          steriler Innenhof ist zur Heilung von
                          psychisch Kranken ungeeignet.
Psychiatrische Klinik Waldhaus in Chur, steriler Innenhof. Ein solch steriler Innenhof ist zur Heilung von psychisch Kranken ungeeignet.

Weitere "Familienforschungen" zwecks der Vererbungslehre bzw. "Eugenik" wurden betrieben von

-- R.L. Dugdal: "The Jukes". New York 1877 (Huonker, S.179).
-- H. Lundborg: Medizinische Familiengeschichten. Jena 1913 (Huonker, S.185)
-- Henry Herbert Goddard: Die Familie Kallikak. Beiträge zur Kinderforschung und Heilerziehung. Langensalza o.J. (1914) (Huonker, S.181). 

Ebenso als "Erbkrankheiten" erfasst wurden alle Hörbehinderten und Kleinwüchsigen (Huonker, S.80).  


Sterilisierungswelle in Zürich auch gegen Frauen - und weitere "Therapien"

Zwischen 1892 bis 1970 wurden im Kanton Zürich aufgrund dieser "wissenschaftlichen" Angaben auch Tausende Frauen sterilisiert (Huonker, S.130). In diesem Zeitraum fanden im Burghölzli meist Zwangseinweisungen mit entsprechenden Zwangsbehandlungen statt (Huonker, S.136), u.a. mit "Beruhigungsmittel" Morphium (Huonker, S.137) zur  Schlafbehandlung "Somnifen-Schlafkur" mit Gedächtnisverlust/Amnesie als Folge (Huonker, S.138). Weitere Therapien des 19.Jh. waren  Deckeldauerbad,  Injektion von Kalbsblut,  Untertauchen bis zur Erstickungsangst,  Drehstuhl, oder das  überraschende Abfeuern von Schusswaffen neben oder hinter den Patienten (Huonker, S.142).

In einigen Fällen wurden PatientInnen zu De-fakto-Angestellten des Burghölzli ohne Lohn und ohne Rechte (Huonker, S.138-139), z.B. die gute "Gratisarbeiterin" Trudi W. als Bibliothekarin im Burghölzli, die 1974 sogar einen Nachruf von Professor Jules Angst erhielt, jedoch nie entlöhnt worden war (Huonker, S.141). 


Erste Heiratsverbote in den "USA" und Euthanasie-Gedanken in der Schweiz - Eugen Bleuler

  

Zwangsbehandler Eugen Bleuler, ca. 45
                          Jahre alt, Portrait
Zwangsbehandler Eugen Bleuler (1857-1939), ca. 45 Jahre alt, Portrait.
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1895 führte der weiss-"amerikanische" Staat Connecticut ein Eheverbotsgesetz aufgrund der "wissenschaftlichen" Vererbungslehre ein (Huonker, S.110). Schon 1896 plädieren Psychiater in der Schweiz für eine Euthanasie, die Ermordung der als erblich krank bezeichneten Menschen, z.B. Eugen Bleuler in: Der geborene Verbrecher, München 1896, S.74f.:

[Die Hinrichtung] "befreit die Gesellschaft von der Sorge um den Delinquenten und gibt allein ganz sichere Gewähr gegen die Wiederholung des Verbrechens." Sie verhindere ferner "die Zeugung einer ähnlich gearteten Nachkommenschaft." (Huonker, S.66)

[Die Umstände als Ursache zur Aggression eines Menschen sind z.T. bis heute nicht anerkannt. So werden bis heute aggressive Eltern oder aggressive staatliche Strukturen kaum bestraft, sondern immer das Kind für krank erklärt. Pflichtelternkurse gibt es bis heute nicht, Krieg und Kriegstreiber gelten bis heute als "gesund"].


Friedrich Ris und Otto Diem gegen Euthanasie - Opium-Morde in der schweizer Psychiatrie

  

Friedrich Ris, Profil, Gegner der
                              Euthanasie an der Psychiatrie Rheinau

vergrössernFriedrich Ris, Profil, Gegner der Euthanasie an der Psychiatrie Rheinau.
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1898-1931 stand die Psychiatrie Rheinau unter Friedrich Ris. Er wandte sich gegen Euthanasie und zeigte Opium-Morde von Assistenzärzten an. Die Zürcher Justiz aber befürwortete die Morde. Die Zürcher Staatsanwaltschaft verfolgte die Morde nicht (Huonker, S.67).

Um 1900 war die Schweiz in der Eugenik mit Euthanasie führend in Europa (Huonker, S.60). Die Diskussion blieb kontrovers, bei den eugenischen Staatsanwaltschaften aber hatte dies auf ihre Killer-Mentalität keinen Einfluss. Otto Diem, 1900-1902 Assistenzarzt im Burghölzli, bezweifelte die Erblichkeitstheorien und appellierte an die Verbesserung der Lebensbedingungen (Huonker, S.77).

[Die Euthanasie wurde also in der Schweiz schon ca. 30 Jahre vor dem Dritten Reich durchgeführt].


Die Ausweitung der Euthanasie-Gedanken an der Universität Zürich

Die Führung des  "wissenschaftlichen" Apparats aber machte aus den Ausrottungstheorien keinen Hehl. Die Universität Zürich gilt ab 1900 als Eugenik-Zentrum Europas. "Minderwertige"  wurden als "Gefahr" gesehen, so dass die Eugenik sogar in anderen Disziplinen ihren Ausdruck fand:

-- bei der Anthropologie unter den Professoren Rudolf Martin und dessen Nachfolger Otto Schlaginhaufen
-- in der Ethnographie unter Otto Stoll (1849-1922)
-- in der Gerichtsmedizin unter Heinrich Zangger
-- Nachwuchs-Eugeniker Alfred Ploetz, Sozialist wie Forel, zusätzlich mit nordischen Ideologien
-- Nachwuchs-Eugeniker Ernst Rüdin, Antialkoholiker
-- "gelegentlich dabei" auch Gerhart Hauptmann (Huonker, S.62). 

Die Euthanasie-Clique an der Universität Zürich: Morde an so genannten Psychiatriepatienten
Rudolph
                          Martin, Euthanasie-Anthropologe an der
                          Universität Zürich, Profil.
Rudolph Martin, Euthanasie-Anthropologe an der Universität Zürich, Profil.


Otto Schlaginhaufen,
                          Euthanasie-Anthropologe an der Universität
                          Zürich, um ihn seine MitarbeiterInnen
Otto Schlaginhaufen, Euthanasie-Anthropologe an der Universität Zürich, mit seinen  MitarbeiterInnen.


Otto Stoll, Euthanasie-Ethnograph an
                          der Universität Zürich, Portraits.
Otto Stoll, Euthanasie-Ethnograph an der Universität Zürich, Portraits.
Heinrich Zangger,
                          Euthanasie-Gerichtsmediziner an der
                          Universität Zürich, Portrait.
Heinrich Zangger, Euthanasie-Gerichtsmediziner an der Universität Zürich, Portrait.
Alfred
                          Ploetz, Nachwuchs-Eugeniker an der Universität
                          Zürich, Portrait.
Alfred Ploetz, Nachwuchs-Eugeniker an der Universität Zürich, Portrait.

Ernst Rüdin, Nachwuchs-Eugeniker an
                          der Universität Zürich, Profil.
Ernst Rüdin, Nachwuchs-Eugeniker an der Universität Zürich, später in Berlin, Profil.
Gerhart
                          Hauptmann, gelegentlich an Euthanasie-Treffen
                          an der Universität Zürich dabei, Portrait in
                          jungen Jahren.
Gerhart Hauptmann, gelegentlich an Euthanasie-Treffen an der Universität Zürich  dabei, Portrait aus jungen Jahren.


Strafanstalten - weitere Verbreitung von Eheverboten - erste Resultate der "Stammbaumforschung"

1901 bekam der Kanton Zürich mit der Strafanstalt Regensdorf ein neues Mittel für den "modernen" Strafvollzug (Huonker, S.13). 1903 plädierten schweizer Psychiater weiter für die Euthanasie, den Massenmord an psychisch "krank" definierten Menschen, z.B. Auguste Forel in: Hygiene der Nerven und des Geistes, Stuttgart 1903, S.86f.:

"Früher, in der guten alten Zeit, machte man mit unfähigen, ungenügenden Menschen kürzeren Prozess als heute. Eine ungeheure Zahl pathologischer Hirne, die [...] die Gesellschaft schädigten, wurde kurz und bündig hingerichtet, gehängt oder geköpft; der Prozess war insofern erfolgreich, als die Leute sich nicht weiter vermehren und die Gesellschaft mit ihren entarteten Keimen nicht weiter verpesten konnten." (Huonker, S.66) 

Der St.Galler Rassenhygieniker Ernst Rüdin forderte 1903 die Sterilisierung von Alkoholikern (Huonker, S.68). 1905 führte der weiss-"amerikanische" Staat Indiana das eugenisch motivierte Eheverbotsgesetz ein (Huonker, S.110). Im selben Jahr veröffentlichte der Churer Klinikleiter von Waldhaus, Johann Benedikt Jörger, seine "Stammbaumforschung" "Die Familie Zero", worin er die Erblichkeit von Verbrechertum und Armut bis ins 17.Jh. behauptete (Huonker, S.78). Die schweizerische Praxis liess ab 1905 Kastrationen aus sozialen Gründen zu. Stimmte der Patient nicht zu, so reichte die Einwilligung von Eltern oder des Vormunds. Die Kastration galt nicht als Körperverletzung (Huonker, S.68) Manche Betroffenen erlitten bei der Operation den Tod (Huonker, S.69).


Sterilisierung unter Erpressung zu Internierung oder Eheverbot - heimliche Sterilisierung ab 1905

Oft wurde der/die Betroffene zur Sterilisierung erpresst, indem lebenslange Internierung (Huonker, S.69) oder ein Eheverbot angedroht wurde (Huonker, S.70). Die Ärzte führten ab 1905 Sterilisierungen auch heimlich durch, unter Vorwand einer anderen Operation, in Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften. Die Opfer wussten nicht, dass sie sterilisiert wurden (Huonker, S.69). Gleichzeitig forderten die schweizer Psychiater immer lauter ein Sterilisierungsgesetz, um eine gesetzliche Grundlage zur Befürwortung oder Ablehnung zu haben (Huonker, S.70). Den Frauen, die sterilisiert werden wollten, wurde die Sterilisation dagegen meist verweigert. Die "Ärzte" zwangen die Frauen auch, Kinder auszutragen, die sie nicht wollten (Huonker, S.72). Ein Schwangerschaftsabbruch wurde meist nur dann erlaubt, wenn die Frau auch in die Sterilisierung einwilligte (Huonker, S.73).

Im Gegensatz zur Schweiz galten im Deutschen Kaiserreich ab 1905 Kastrationen als Körperverletzung, was die Kastrationspraxis zum Teil sehr einschränkte (Huonker, S.68). 1906 forderte der Gynäkologe Hermann Häberlin die Sterilisierung von Epileptischen (Huonker, S.109; Häberlin, Hermann: Über Indikationen und Technik der operativen Sterilisierung mittels Tubendurchschneidung. In: Medizinische Klinik, Jahrgang 1906, S.1306.).  Bulgarien führte etwa zur selben Zeit ein eugenisches Eheverbotsgesetz ein (Huonker, S.110).


Schweizer Zivilgesetzbuch mit Vererbungslehre ab 1912 - Art. 97 definiert die "Ehefähigkeit"

  

ZGB 1911 Buchdeckel

vergrössernZGB 1907,  Buchdeckel 1911.

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1907 verabschiedeten die schweizerischen Räte in Bern ein neues Zivilgesetzbuch (ZGB), das aber erst 1912 in Kraft trat. Darin wurde im Artikel 97 die "wissenschaftliche" Vererbungslehre gesetzlich mit einem Eheverbot umgesetzt, wobei den "Psychiatern" freie Hand zur jeweiligen Beurteilung der "Ehefähigkeit" gelassen wurde (Huonker, S.110). Der Artikel im Absatz 2:

"Um eine Ehe eingehen zu können, müssen die Verlobten urteilsfähig sein. Geisteskranke sind in keinem Falle ehefähig."  (Huonker, S.111) 

Gemäss der dehnbaren Definition von "geisteskrank" war nun den "Psychiatern" und Staatsanwälten jede Willkür erlaubt. In Zürich beteiligten sich an solchen Eheverboten das  Zivilstandsamt, der juristische Sekretär des Fürsorgewesens,  der Stadtpräsident [bis 1970!] und das Sekretariat des Stadtpräsidenten. Ehen von so genannt Geisteskranken wurden nur unter Sterilisationszwang zugelassen: Ohne Sterilisation keine Heiratserlaubnis (Huonker, S.112). Alle Namen und Daten der Betroffenen sind in den Stadtratsprotokollen von Zürich einsehbar (Huonker, S.109). Die Nazi-Ideologie hatte in der Schweiz schon lange vor Hitlers Machtergreifung seinen fest strukturierten Vorlauf.


1908: Hans Wolfgang Meier definiert die "moralische Idiotie" und befürwortet die Euthanasie

1908 präsentierte der schweizer Psychiater Hans Wolfgang Maier in seiner Dissertation den Begriff "moralische Idiotie" und wollte damit die Diagnose "moral insanity" von Prichard ablösen, konnte sich aber nicht durchsetzen (Huonker, S.104). Maier postulierte das Ziel, die "hereditären Faktoren" auszumerzen:

"Hereditäre [erbliche] Faktoren, nämlich die direkte Fortpflanzung der moralischen Idioten und der Alkoholismus, sind mit allen Mitteln zu bekämpfen." (Huonker, S.104; Maier, Hans W.: Moralische Idiotie 1908, S.81)

Hans Wolfgang Maier behauptete, die Ermordung "Geisteskranker" sei zum Vorteil für alle Seiten. Zumindest aber die Sterilisierung sei ein absolutes Muss, weil Schwachsinn erblich sei:

"Die Tötung wäre auch heute noch das vernünftigste und für alle Teile schonendste, wenn nicht der hier durchaus unangebrachte Begriff der Strafe stets damit verbunden wäre und Gründe der allgemeinen Moral gebieterisch dagegen sprächen. [...] Die direkte Heridität [Erblichkeit] ist entschieden eine Hauptursache des krankhaften Zustandes. [...] Es ist also sehr wichtig, diese Kranken an der Fortpflanzung zu verhindern. Da unter unseren heutigen Verhältnissen sowohl Gefängnis wie Anstalt hierfür keine absolute Garantie bilden, hätte die Gesellschaft nicht nur das Recht, sondern meines Erachtens auch die Pflicht, hier möglichst bald die zwangsweise Sterilisierung zu dekretieren." (Huonker, S.105; Maier, Hans W.: Moralische Idiotie 1908, S.79-80)


Ab 1908: Ziel in Zürich ist die "emporgehobene Menschheit" - Eheverbote - "Erkundigungsdienst" - Kindswegnahmen

Die behauptete Erblichkeit von Verbrechertum und Armut bekam ab 1908 in Zürich mit Kursen für Sozialarbeit eine wesentliche Unterstützung (Huonker, S.14). Die städtische Amtsvormundschaft, Kinderfürsorgeamt und Armenpolizei  (Huonker, S.16) arbeiteten mit den Zielen:

-- Bildung einer "emporgehobenen Menschheit" gegen die Entstehung "minderwertiger Menschen" (Huonker, S.17) 
-- Förderung der "Rassenreinigung"
-- "die Rasse [...] zu entlasten"
-- Behinderung der Fortpflanzung von "Individuen, die in körperlicher oder geistiger Beziehung verkrüppelt sind"
-- Einführung eines "Erkundigungsdienstes" (Huonker, S.18), der Jenische ohne Anlass überwacht. Jenische reagieren mit Verzicht auf Antrag um Fürsorgeleistungen. Trotzdem überwacht der "Erkundigungsdienst" die betroffenen Familien (Huonker, S.36).

Folge der Zwangsmassnahmen war aber das Ansteigen statt der Rückgang der Armenfälle (Huonker, S.17).  Systematisch kam es nun zu Kindswegnahmen bei Romas, Jenischen und "Verwahrlosten", so wie auch den Indianer- und die Aborigenes-Familien Kinder systematisch geraubt und umerzogen wurden (Huonker, S.34). Zum Teil wurden mit  der Kindswegnahme gleichzeitig die Eltern auch noch entmündigt (Huonker, S.36). Innerhalb der Familien kam es dadurch zu psychischen Zusammenbrüchen und zu kompensativem Suchtverhalten, so dass gemäss "Wissenschaft" eine erneute "Minderwertigkeit" gegeben war (Huonker, S.34). Die "Psychiatrie" produzierte so laufend neue Patientinnen und Patienten, was der rassistischen Doktrin der Staatsanwaltschaften der weissen Rasse im Sinne des Darwinismus sehr wohl gefiel.


Heimliche Sterilisierungen von Roma und Jenischen - Sterilisationsgesetz in den ganzen "USA" - Bleuler definiert die "Schizophrenie"

Roma und Jenische wurden oft Opfer heimlicher Sterilisierungen, so dass diese oft kinderlos blieben, ohne es zu wollen. Zum Teil erzwangen die Staatsstellen die Sesshaftigkeit durch Drohung mit Einweisung in die Psychiatrie (Huonker, S.35). 1911 plädierte Hans Wolfgang Maier für ein schweizerisches Sterilisierungsgesetz für ganz Europa, wie es in den "USA" bereits bestand. Ihm gelang es, die ganze Zürcher Justiz von der "Wichtigkeit" der Sterilisierungen zu überzeugen (Huonker, S.70; Maier, Hans Wolfgang: Aufsatz: "Die Nordamerikanischen Gesetze gegen die Vererbung von Verbrechen und Geistesstörung und deren Anwendung").

Eugen Bleuler, 1898-1926 Direktor am Burghölzli, Universitätsprofessor der Eugenik in Zürich,  definierte 1911 zum ersten Mal die "Schizophrenie" als Ersatzbegriff für Kraepelins Ausdruck "dementia praecox" (Huonker, S.101). Bleuler forderte, Schizophrene dürften nicht heiraten und sollten sterilisiert werden (Huonker, S.102).


Kindswegnahmen unter Leitung der "Pro Juventute" im Dienste der "emporgehobenen Menschheit"

1912 trat das neue Zivilgesetzbuch von 1907 in Kraft, das Heiratsverbote nach eugenischen Gesichtspunkten zuliess (Huonker, S.16). Im selben Atemzug erfolgte 1912 die Gründung der "Pro Juventute" durch die "Gemeinnützige Gesellschaft", im Sinn einer "Jugendfürsorge", bis 1958 geführt von Ulrich Wille junior, Generalssohn und Major, Stiftungskommissionspräsident bis 1958. Die Tätigkeiten hatte den Schwerpunkt der Kindswegnahme für "gefährdete Kinder" bei  Verbrechertum,  Alkoholismus, Roheit oder Unfähigkeit der Erzieher (Huonker, S.38). Die Kindswegnahme wurde als "Gewalt [...] zum Wohle der Kinder" definiert (Huonker, S.39). Die Kinder erlebten aber nicht nur die Befreiung aus Missbrauchssituationen. Sie erlebten auch den Kampf zwischen Behörden und den sich wehrenden Eltern und Lehrern (Huonker, S.39). Kinder wurden z.T. als "Idioten" definiert,  Eltern wurden kriminell gestempelt und Kinder aus der Familie entführt (Huonker, S.40), Kindsrückgaben verweigert, so dass Kinder aus Heimen flüchten (Huonker, S.41). Familien wurden z.T. als   "Apachengesellschaft" eingestuft und ganze Familien aus Zürich ausgewiesen (Huonker, S.42), oder die Kindswegnahme wurde wegen schlechter Wohnungsverhältnisse verfügt und die Mutter deswegen der Unfähigkeit bezichtigt (Huonker, S.43).

Gleichzeitig kommen die Pro-Juventute-Briefmarken ganz unschuldig daher:
Unschuldig wirkende Pro Juventute-Briefmarken:
                    Vorläufer 1912
vergrössernUnschuldig wirkende Pro Juventute-Briefmarken: Vorläufer 1912.

Bei Tabuthemen wie Homosexualität oder Drogenabhängigkeit des Kindes koalierten Eltern und Vormundschaft oft gegen das Kind (Huonker, S.44). Ab 1912 stand der staatlichen Vormundschaft mit dem in Kraft tretenden ZGB und der neu gegründeten "Pro Juventute" ein doppeltes Instrument zur Bildung einer "emporgehobenen Menschheit" zur Verfügung. Innerhalb Europas hatte der eugenische Rassismus in der Schweiz eine europäische Spitzenstellung (Huonker, S.17,70; Walter Kopp: Buch "Gesetzliche Unfruchtbarmachung", 1934, S.98). 

Systematisch suchten die schweizer Behörden die Schweiz nun nach Kindern von "Vaganten" ab, um die Umerziehung zur Sesshaftigkeit zu verwirklichen (Huonker, S.79). In den "USA" wurde mit Indianerkindern ebenso brutal verfahren. Kindswegnahme galt als "Gebot der Menschenpflicht und Sozialpolitik" (Huonker, S.80). "Pro Juventute" hatte enorme finanzielle Mittel zur Verfügung, z.B. durch den Cadonau-Fond, ein Vermögen, das durch Handel mit Kolonialprodukten im Sinne des Rassismus zustandegekommen war (Huonker, S.87).  1914 wurde ein als "abnorm" taxiertes Kind aus der Schweiz nach Österreich ausgeschafft, von der Mutter aber wieder in die Schweiz geschmuggelt. 1916 wurde der 14-Jährige nach einem neuen "Gutachten" von Eugen Bleuler definitiv ausgeschafft (Huonker, S.37). Der Bub passte nicht in die Bildung einer "emporgehobenen Menschheit" in der Schweiz...

1914-1918 während des ersten Weltkriegs liess das deutsche Kaiserreich tausende von Psychiatriepatienten systematisch verhungern (Huonker, S.67). Zur selben Zeit war der Vater des Leiters der "Pro Juventute", Ulrich Wille, General der schweizer Armee (Bonjour, Edgar: Geschichte der schweizerischen Neutralität Bd. VII 1970-1975, S.54-55).

Unschuldig
                  wirkende Pro Juventute-Briefmarken 1915, die keine
                  Kindswegnahmen vermuten lassen...
Unschuldig wirkende Pro Juventute-Briefmarken 1915, die keine Kindswegnahmen vermuten lassen...


1915: Die Definition der "Rassenhierarchie" von August Forel

  

Forel auf einer alten
                          1000-Franken-Note der SChweiz, ohne
                          Intervention einer jüdischen Organisation...
Forel auf einer alten 1000-Franken-Note...

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1915 präsentierte der schweizer Eugeniker, Ameisenforscher und Alkoholgegner August Forel seine neue "Rassenhierarchie" in der Reihenfolge Kulturrassen,  kulturfähige Rassen und niedere Rassen, die in "humaner Vormundschaft" der oberen Rassen leben.

(Huonker, S.59; Forel, August: Die Vereinigten Staaten der Erde. Ein Kulturprogramm. Lausanne 1915).

Forel, ein Anhänger der Abneigung gegen Schwarze, benutzte schon seit Jahren den Begriff "Untermenschen".

(Huonker, S.59; Forel, August: Malthusianismus oder Eugenik. Vortrag gehalten im neomalthusianischen Kongress zu Haag (Holland) am 29.Juli 1910. München 1911, S.8)

[Forel wurde auch auf einer 1000-Franken-Note der Schweiz abgebildet, mit der Begründung, Forel sei auch ein Forscher auf dem Gebiet der Ameisen gewesen].


Bleulers und Pflügers Vorhaben der "Rassengesundung" durch Sterilisationen - erste Kinderpsychiatrie

    

Paul Pflüger, Portrait, ein
                            Sterilisierungs-Propagandist,
                            sozialistischer Stadtrat in Zürich

vergrössernPaul Pflüger, Portrait,  Sterilisierungs-Propagandist, sozialistischer Stadtrat in Zürich.
1916 appellierte Eugen Bleuler, Leiter des Burghölzli, für die Sterilisation von "unheilbaren" Verbrechern und "anderen schweren Psychopathen".

(Huonker, S.125; Bleuler, Eugen: Lehrbuch der Psychiatrie 1916). Im Dezember desselben Jahres führte die Schweiz die "Dezemberaktion" durch, bei der in der ganzen Schweiz Kindswegnahmen mit Anstaltseinweisungen stattfanden (Huonker, S.38).

1917 konnte Bleuler am Burghölzli eine "Kinderpsychiatrie" einrichten (Huonker, S.37).

[Bis heute fehlt die Elternpsychiatrie].

Im gleichen Jahr forderte der sozialistische Zürcher Stadtrat Paul Pflüger die "Rassengesundung" durch Sterilisierung von Frauen im Fall von Eheschliessungen von "Verseuchten, Minderwertigen und Verbrechern".

(Huonker, S.109; Pflüger, Paul: Die Zusammenhänge des Armenwesens und der Armenpflege mit Sozialgesetzgebung und Sozialpolitik. In: Erster Instruktionskurs für Armenpfleger, veranstaltet von der Armen- und Anstaltenkommission der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft und der Schweizerischen Armenpfleger-Konferenz in Zürich vom 8.-11.Oktober 1917. Zürich 1918, S. 133)

Offensichtlicher kann Rassismus nicht mehr sein. Dem gegenüber steht eine weitläufige soziale Tätigkeit z.B. für den 8-Stunden-Tag oder die Volksbildung etc. (http://www.sozialarchiv.ch/Ueberuns/Pflueger.html).


Die Einführung des "Armenpflegers" in Zürich ab 1917 - Spionage und Fürsorge

Ab 1917 konnte ein neuer Berufsstand namens "Armenpfleger" für die Ämter in der Schweiz Spionage bei "minderwertigen" Familien betreiben, z.B. durch "Hausbesuche" oder durch Befragung von Nachbarn (Huonker, S.17,19). Die Ämter spielten ihre Macht aus, gaben oft Angaben illegal an den Arbeitgeber weiter und führten ein "Fürsorgezentralregister" (Huonker, S.20,22). Die vielen Berichte führten zu einer enormen Geldverschwendung und eventuell zu Kündigungen und zur Verarmung, wobei die Berichte meist geheim bleiben mussten, aber Einfluss auf die Amtspersonen hatten (Huonker, S.21-23). Im positiven Fall konnte das Kind aus Missbrauch und Gewalt gerettet werden mit zum Teil sehr positive Lösungsvarianten (Huonker, S.20,22,28). Die offene Fürsorge übernahm Mietschulden und andere Schulden und führte eine "Volksküche" (Huonker, S.29). Die geschlossene Fürsorge verfügte Zwangseinweisungen (Huonker, S.30). Dabei kam es z.T. zu bizarren Szene, als z.B. ein Mann in Militäruniform  seine eingewiesene Frau gegen den Fürsorgebeamten Neururer und Anstaltsbesitzer Dr.Schwyn aus der Anstalt Littenheid befreite (Huonker, S.33).


Das eugenisch-rassistische Zürich 1918-1933

Um 1918 kurz vor seinem Tod stiftete Julius Klaus sein Vermögen zur "Rassenverbesserung der Menschheit", ein weiteres Vermögen, das durch rassistischen Handel mit Kolonialprodukten zusammengekommen war (Huonker, S.87).  1919 bezeichnete der Basler Psychiater Staehelin Zuwanderer als "kranke Erbmasse, durch welche die alt eingesessene Bevölkerung geschädigt wird."

(Huonker, S.74; Staehelin, John E.: Die Psychopathen; In: Zurukzoglu, Stavros (Hg.): Verhütung erbkranken Nachwuchses. Basel 1938, S.156).

In Zürich wurden im selben Jahr der Patientin Marta B. "abendliche Ausgänge" vorgehalten und die Betroffene für "geisteskrank" erklärt (Huonker, S.131).


Die rigide Eheverbotspolitik in Zürich ab 1919 - massive Sterilisierungspolitik

Zürich
                          1920: Bahnhofsplatz und Bahnhofsstrasse, im
                          Zeichen der Politik für eine emporgehobene
                          Menschheit

Heirat verboten, das heisst damals
                            auch: Sexverbot
Heirat verboten, das heisst damals auch: Sexverbot.

Ab 1919 begann in Zürich eine rigide Eheverbotspolitik (Huonker, S.115), mit Diagnosen wie "Eheunfähigkeit": "Schizophrenie", "Jugendverblödung", "moralischer Schwachsinn", "Haltlosigkeit", "Idiotie", "Imbezillität" (Huonker, S.114), Gefahr "idiotischer" Kinder, Gefahr "verkrüppelter" Kinder, Gefahr "sonst hochgradig minderwertiger Kinder"  (Huonker, S.125),   "psychisch abnorm", "schlechte Erbmasse", oder "hereditäre [erbliche] Idiotin" (Huonker, S.128).  Gleichzeitig entspann sich ein Gutachtenkrieg um die "Ehefähigkeit". Entscheidend war die Diagnose. Ziel war die Sicherung "gesunden" Nachwuchses und die Ausschaltung "kranken" Nachwuchses. Wünsche der Frauen blieben meist unberücksichtigt (Huonker, S.112,128). Bei Befund eines Kriteriums kam es immer zur Sterilisierung oder zum Eheverbot (Huonker, S.114). Im Kanton Zürich, v.a. im Burghölzli, definierten die "Ärzte", wer "geisteskrank" sei und verfügten so die "Eheunfähigkeit" ganz nach ihrem Geschmack. Schon der Verdacht auf "Geisteskrankheit" reichte für Eheverbotsverfahren aus. In seltenen Fällen wurde ein "Mittelweg" beschritten, ein Kind zugelassen, die Sterilisierung vorgenommen und die Ehe bewilligt (Huonker, S.113-115). In Zürich mussten die Betroffenen, die nicht heiraten durften, auch noch die Kosten für das Eheverbotsverfahren bezahlen (Huonker, S.113).

[Die eugenisch-rassistischen "Psychiater" empfanden sich währenddessen nie als "krank"...]

Sterilisationen wurden z.T. auch durch "privat praktizierende Mediziner" ohne jede gesetzliche Grundlage vollzogen, z.T. auch in der Zürcher Pflegerinnenschule (Huonker, S.127,128). Oft waren es die Beamten, die den Heiratswilligen bereits die Ehe ausredeten. Somit entstand bezüglich Eheverbot eine erhebliche Dunkelziffer. Fürsorgesekretär Ludwig Wille zitierte die Heiratswilligen zur Verhinderung des Nachwuchses von Psychiatriepatienten, Entmündigten, Epileptischen und anderen Zielgruppen der "Eugenik" schon vor der Eheeinsprache des Stadtrats zu sich ins Büro und "bearbeitete" diese meist erfolgreich, so dass das Eheverbot nicht aktenkundig wurde (Huonker, S.116-117). Vormünder missbrauchten z.T. ihre Macht und gaben bei den Ämtern z.B. nicht an, dass jemand Briefe schreiben konnte, so dass der betroffenen Person die Heirat verwehrt blieb (Huonker, S.121). Das System systematisierte sich durch Nachahmung in anderen Gemeinden sowie mit einer "Sperrkarte", mit der ein Eheeinspruch im Bürgerregister registriert wurde, so dass Heiraten sofort von Amtes wegen verhindert werden konnten (Huonker, S.117). Von den heimlichen Sterilisierungen merkten die Krankenkassen nichts (Huonker, S.131). 

1920 erlaubten in den weiss-rassistisch regierten "USA" 15 "amerikanische" Staaten Sterilisierungen und Kastrationen an Frauen und Männern, u.a. "zur Beseitigung der erblichen Anlage zu Geistesstörungen" (Huonker, S.61). In Zürich fanden 1920 unehelich Schwangere keinen Anwalt, um gegen die  Sterilisierung anzugehen. Stattdessen wurden sie in der Psychiatrie interniert und das Kind zwangsadoptiert (Huonker, S.132). In den 1920er Jahren appellierte der Psychiater, Literat und Sanitätsrat von Zürich, Charlot Strasser, an die Erpressung zur Sterilisation und wetterte gegen Psychoanalyse, aber auch gegen Euthanasie. Seine Frau war ebenfalls "Psychiaterin" (Huonker, S.106). Ab 1920 wurde zur Prophylaxe gegen den Kropf Jod ins Salz gemischt und damit anerkannt, dass Kropf nicht erblich war (Huonker, S.63). Dagegen wurden nun in der Kinderpsychiatrie des Burghölzli mehr und mehr Erbkrankheiten "festgestellt":

-- "moralischer Defekt" bei 75% der eingewiesenen Kinder
-- "Psychopathie"
-- "Oligophrenie" (erblicher Schwachsinn im Kindsalter)
-- "antisoziales Benehmen hauptsächlich als Milieuwirkung", das bei 33% der Kinder als "erblich" bedingt definiert wurde (Huonker, S.37). 

Auch die Epilepsieklinik in Zürich bekam eine Kinderpsychiatrie. Diagnose war u.a.: Hebephrenie, eine Form der "Jugendverblödung" (Huonker, S.38,114). 

"Therapeutische Kastrationen": Die Schweiz wird weltweit "führend" - Sterilisationspflicht bei Taubheit

1920 gründeten die eugenisch-rassistischen Freundeskreise von Zürich die Klaus-Stiftung. Der Anthropologieprofessor der Universität Zürich, Otto Schlaginhaufen, definierte deren Ziel mit "praktischer Rassenhygiene". Finanziert wurden Reisen, "Forschung" und Publikationen sowie eugenische "Eheberatungsstellen" (Huonker, S.87-88). Das Repertoire der Beschreibung der auszurottenden "Untermenschen" im Zuge des Psychiatrie-Holocaust noch vor der Hitler-Machtübernahme in Deutschland war inzwischen sehr reichhaltig und wurde nicht nur von den namhaften deutschen "Psychiatern" Binding und Hoche verwendet: "Ballastexistenzen"; "Vernichtung lebensunwerten Lebens"  (Huonker, S.67), "eugenische Indikation" (Huonker, S.75), "Bevölkerungsentartung" (Huonker, S.76), "Idiovarianten", "Isolaten", "Entartungsherde", "unerwünschte Nachkommenschaft" (Huonker, S.110), "erblich belastete Kinder"  (Huonker, S.112), "ererbte üble Eigenschaften" (Huonker, S.158), "sozial brauchbarer Mensch", "querulatorischer Charakter" (Huonker, S.160), "konstitutioneller Psychopath" (Huonker, S.161). Die Sterilisierungs- und Eugenikerszene war in Zürich z.T. Stadtrat und "Arzt" in einem wie z.B. der Gynäkologe Hermann Häberlin, der 1920-1932 gleichzeitig Stadtrat war (Huonker, S.109). Die Schweiz wurde so auch 1920-1933 weltweit führend für "therapeutische Kastrationen" (Huonker, S.153) mit "experimentellen Kastrationen" und Hoden- bzw. Eierstocktransplantationen in Frauen- bzw. Männerkörper, um weibliche bzw. männliche Energien in die jeweils anderen Körper auszutauschen (Huonker, S.155).

1920-1934 waren an der Frauenklinik Zürich von 1957 Abtreibungen deren 1395 mit einer Sterilisierung verbunden (Huonker, S.127). Sterilisationspflicht galt ab den 1920er Jahren auch für Gehörlose, weil die rassistische Eugenik-"Wissenschaft" die Züchtung einer "taubstummen Menschenart" befürchtete. In Finnland galt für Taube ein Eheverbot (Huonker, S.83).

Deutschland sterilisierte nun ebenso, sogar ohne Justiz. Dort reichte ab 1921 der Antrag der Vormundschaft und des Bürgermeisteramts für eine Sterilisierung aus (Huonker, S.68). 1922 bestätigte das Lausanner Bundesgericht das Eheverbot bei "Schwachsinn" und "Hysterie", da dies erbliche Krankheiten seien. Der Kanton Waadt kannte dagegen kein Konkubinatsverbot. Das Bundesgericht stigmatisierte aber die daraus hervorgehenden Kinder als "unehelich" (Huonker, S.111).


Appelle für gesamt-eidgenössische Euthanasie - Sterilisationen ab 1923 auch in Bern - 1925 Verwahrungsgesetz in Zürich

1923 stellte der Berner Stadtarzt und Kantonsrat der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, Alfred Hauswirth, im Kantonsrat Bern den Antrag, die Ermordung "Geisteskranker" (Euthanasie) in der ganzen Schweiz zuzulassen und "unheilbare Geisteskranke und Idioten" zu töten (Huonker, S.66), mit dem Argument, dies sei im griechischen Sparta auch vollzogen worden. Der Tötungsantrag wurde abgelehnt, ein Sterilisierungsantrag des SP-Vertreters Hurni aber angenommen und ab 1923 in Bern die Sterilisationspraxis eingeführt (Huonker, S.67).  1923, kurz vor Hitlers Putschversuch, wurde Hitler in der Schweiz  von Ulrich Wille, dem Stiftungskommissionspräsidenten der "Pro Juventute", in Willes Wohnsitz Villa Schönberg empfangen. Wille liess für Hitlers Putschplan von namhaften Industriellen Spenden sammeln (Huonker, S.38).

1925 trat im Kanton Zürich das erste Verwahrungsgesetz über die Versorgung von Jugendlichen, Verwahrlosten und Gewohnheitstrinkern in Kraft (Huonker, S.164). Im gleichen Jahr schätzte der Zürcher Psychiater Hans Wolfgang Maier, dass 3,5-4,5% der Menschen "geistig nicht vollwertig" seien.

(Huonker, S.77; Maier, Hans Wolfgang: Über die Verbreitung und Behandlung der Geisteskranken in der Schweiz. Beitrag zum 50.Jahresbericht des Zürcher Hilfsvereins für Geisteskranke. Zürich 1925, S.15).


Sterilisation mit Röntgenstrahlen produziert kranke Erbsubstanz - Ziel der Ausrottung der Jenischen und Roma

Inzwischen hatten Vormund, Angehörige und "Fachärzte" zur Durchsetzung von Sterilisationen alle Macht (Huonker, S.124). Die Sterilisation durch Röntgenstrahlen hatte dabei katastrophale Folgen wegen des Risikos von Krebs und der Schädigung der Erbsubstanz, wurde aber weiter praktiziert (Huonker, S.126). Somit produzierte die Psychiatrie und Medizin tatsächlich Menschen mit krankem Erbgut. Im selben Jahr verlangte der inzwischen weltweit gelesene Hans W.Maier das Kinder- und Eheverbot für "psychisch Defekte" aus "ethischen Gründen", um "das Institut der Ehe von psychisch Defekten [...] frei zu halten".

(Huonker, S.112; Maier, Hans Wolfgang: Zum gegenwärtigen Stand der Frage der Kastration und Sterilisation aus psychiatrischer Indikation. Sonderdruck aus: Zeitschrift für die gesamte Neurologie und Psychiatrie, Berlin, 1925, Band XCVIII, Heft 1/2, S.212).

1926-1933 führte der Arzt Hans Binder im Basler Frauenspital offiziell 293 Sterilisationen bei Frauen durch (Huonker, S.108). Der Terror gegen Jenische durch die militärisch geführte "Pro Juventute" und das "Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse" dauerte von 1926 bis 1973. Das Ziel der Ausrottung der Jenischen wurde mit dem Begriff "Landplage" propagiert. Ziel sei die "Auflösung". Den jenischen Familien wurden von staatlicher Seite Hunderte von Kindern geraubt (Huonker, S.38). Dasselbe Schicksal erlitten die Roma (Huonker, S.34). All die Massnahmen fruchteten nichts. In Zürich war 1927 die Zahl der Fürsorgefälle mit 14% der Bevölkerung so hoch wie noch nie (Huonker, S.22). Bleuler, immer noch Leiter des Burghölzli, befürwortete Sterilisierung bei "zügellosen Mädchen" und "gelegentlich bei Männern".

(Huonker, S.69; Bleuler, Eugen: Die ärztlichen Anzeigen für frühe Entlassungen. In: Roemer, H./Kolb G./ Faltlhauser V.: Die offene Fürsorge in der Psychiatrie und ihren Grenzgebieten. Berlin 1927, S.148).


1928: Erstes Sterilisationsgesetz im Kanton Waadt - Ernst Rüdin wechselt nach Berlin - Heiratsverbot für Glauser

1928-1945 erfolgten in Winterthur gemäss Arzt Leslaw Cybulsky 511 Schwangerschaftsabbrüche, davon 379 mit Sterilisierung (Huonker, S.129). Der Kanton Waadt führte 1928 in Kopie zur weiss-rassistischen "USA" das erste und einzige schweizerische Sterilisationsgesetz ein (Huonker, S.71). Der Effekt war aber, dass in Kantonen ohne Sterilisationsgesetz mehr Sterilisationen durchgeführt wurden als in der Waadt (Huonker, S.74). In den Kantonen ohne Sterilisationsgesetz wurde vor allem die Erpressung zur Sterilisation angewandt, z.B. im Kanton Bern die Drohung von Entzug der Fürsorge oder der Versetzung (Huonker, S.75). Der St.Galler "Psychiater", Leiter der Psychiatrie "Friedmatt" in Basel und dortiger Universitätsprofessor Ernst Rüdin wurde 1928 Direktor der Psychiatrischen Forschungsanstalt am "Kaiser-Wilhelm-Institut" in Berlin. Rüdin und sein Schüler Hans Luxenburger hielten den Kontakt zur Familie Bleuler aufrecht (Huonker, S.63-64). In den 1930er Jahren wurde in Zürich Konkubinatsverbot und Eheverbot z.T. trotz Sterilisierungen aufrechterhalten (Huonker, S.110).

Der Fall des Schriftstellers Friedrich Glauser, der seine Geliebte Trix Gutekunst nicht heiraten durfte, seine "Eheunfähigkeit" selber unterschreiben musste, dessen Heirat mit Berthe Bendel in Basel aufgrund eines fehlenden Arierausweises verzögert wurde und schliesslich am Vorabend der Heirat mit Berthe Bendel 1938 starb, erregte aber erst in den 1980er Jahren allgemeines Aufsehen (Huonker, S.46-57).

Eugenischer Rassismus: Täter und Opfer
Ernst Rüdin ab 1928 in Berlin im
                            Dienste einer "emporgehobenen
                            Menschheit". Foto von 1936.Ernst Rüdin
                            ab 1928 in Berlin im Dienste einer
                            "emporgehobenen Menschheit". Foto
                            von 1936.
vergrössernRassistischer Haupttäter: Ernst Rüdin ab 1928 in Berlin im Dienste einer "emporgehobenen Menschheit".
Foto von 1936.


Friedrich Glauser, Portrait
vergrössernOpfer des Rassismus in der Schweiz: Friedrich Glauser fehlte in der rassistisch strukturierten Schweiz der Arierausweis zur Heirat...

[Täter an der Macht haben die Eigenschaft, sich selbst immer als "gesund" zu definieren...]


Die rassistisch-eugenische Nazistruktur der Schweiz 1933-1945

CH-Nazitum ab 1930er Jahre: Generelles Heiratsverbot bei militärischer "Untauglichkeit"

In den 1930er Jahren wurde die Schweiz vollends zu einem Nazistaat. Die Kantone Freiburg, Neuenburg und Aargau erstellten neue "Gesundheitsgesetze" mit Richtlinien zur Sterilisierung und Kastration (Huonker, S.71).  Hans Wolfgang Maier definierte, militärisch Untaugliche seien alle "eheunfähig". In der Folge hatten psychiatrische Ausmusterungen beim Militär, an denen Hans W. Maier aktiv beteiligt war, durch die Übermittlung militärischer Datenreihen auch Eheverbotsverfahren zur Folge (Huonker, S.77). Die Eheeinsprache des Stadtrats Zürich gegen Ausgemusterte hatte lebenslängliche Folgen (Huonker, S.114).


Kritik am CH-Nazisystem wird hart bestraft - neue "harte Kuren" - schwere Folgen durch Sterilisationen

In der "Zeitschrift für Gemeinnützigkeit" kamen auch Kritiker der Eugenik zu Wort (Huonker, S.90).  In Zürich aber wurde Kritik an der Praxis der Psychiatrie-Behandlung von der Justiz hart bestraft. Arzt Hägi bekam für seinen richtigen Hinweis, dass in Dauerbädern durch Sepsis (allgemeine Blutvergiftung bei Überschwemmung des Organismus mit Krankheitserregern) Todesfälle vorkamen, 5 Monate Gefängnis, 1000 Franken Busse und Landesverweis. Eine spätere Dissertation bestätigte aber die Todesfälle (Huonker, S.165).

Der Machtmissbrauch durch Psychiatrie, Polizei und Justiz hätte grösser kaum sein können. Angewandt wurden auch die "Harten Kuren" wie Insulinschock, Cardiazolschock, Elektroschock etc., letztere erfunden unter dem Mussolini-Regime (Huonker, S.143). Die "harten Kuren" waren gefürchtet und wurden zum grossen Teil als Erpressungsmethode angedroht. Bei Anwendung waren sie meist unwirksam oder verschlimmerten den Zustand. Weitere, oft wirkungslose, neuere Schocktherapien waren Malariakur gegen Syphilis (Huonker, S.142),  Sedobrol und Klapperschlangengift gegen Epilepsie (Huonker, S.151), die Psychochirurgie mit "Zerstörung von Hirngewebe [...] via Borlöcher" mit 6% Todesrate  (Huonker, S.144) sowie die Verarbeitung von "Schockträumen" (Huonker, S.145).

Patienten wurden zu "Patientenmaterial" bzw. zu Versuchskaninchen (Huonker, S.145). In der Folge rebellierten Patienten gegen Ärzte zum Teil in tätlicher Weise (Huonker, S.146). Der Widerstand gegen die Burghölzli-Psychiatrie
  

Peter Surava alias Peter Hirsch
Peter Surava alias Peter Hirsch. Es müsste mehr solch mutige Suravas geben!
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fand u.a. Ausdruck in der Zeitung "Die Nation" von Peter Surava und im "Schweizerischen Beobachter" (Huonker, S.168). 1931 bedauerte der Gynäkologe und Zürcher Stadtrat Häberlin, dass das Volk noch nicht "reif" für Heiratsverbote sei (Huonker, S.109; Häberlin, Hermann: Praktische Gesundheitspflege. Zürich 1931, S.35). Heimliche Sterilisationen mit anschliessender Kinderlosigkeit lösten bei den Betroffenen z.T. schwere Depressionen (Huonker, S.150) oder Scheidungen aus (Huonker, S.152). Die Psychiatrie produzierte ihre eigenen Patienten... Das Gegenteil passierte 1932, als eine Aargauer Heimatgemeinde gegen den eugenisch-rassistischen Zürcher Stadtrat eine Heirat durchsetzte (Huonker, S.117; Protokoll des Stadtrats Zürich vom 11.9.1942, Nr. 1585).


Ab 1933: Die Ausbreitung der rassistischen Sterilisierungen in ganz Europa  - die Schweiz ist Vorreiterin

Polen führte 1932 ein Sterilisationsgesetz ein (Huonker, S.71). 1932-1942 leitete Hans Binder, Leiter der Psychiatrischen Poliklinik Basel, in Basel eine eugenisch-rassistische "Eheberatungsstelle" (Huonker, S.108). 1933 übernahm Hitlers Regime die Eugenik für ganz Deutschland, in Anlehnung an alle anderen weltweit bestehenden rassistischen Staatsgesetze und Praktiken. Mitverfasser der nazistischen Rassegesetze war der St.Galler Psychiater und ehemalige Basler Psychiatriedirektor der Friedmatt, Ernst Rüdin (Huonker, S.63). Wesentlich waren dabei Zürcher Leitlinien der Eugenik (Huonker, S.64), d.h., im 3.Reich spielte sich im Grossen das ab, was in Zürich im Kleinen bereits Praxis war. Somit ist es sehr real, sich imaginär für diese Zeit 1933-1945 ein Hakenkreuz über dem Burghölzli, der Universität Zürich und dem Zürcher Stadthaus vorzustellen. Die Dienerschaft am rassistischen, verbrecherischen, deutschen Nazitum war offensichtlich.

Ab 1933 hatten die Zivilämter in Zürich auch die Aufgabe, Scheinehen mit Flüchtlingen aufzudecken (Huonker, S.115). Die Nazi-Psychiater des 3.Reichs lobten derweil die Schweiz als Vorreiter der Sterilisierungspraxis in Europa, so z.B.  Walter Kopp in seinem Buch "Gesetzliche Unfruchtbarmachung", 1934, S.98 (Huonker, S.70). Im selben Jahr 1934 traf Ulrich Wille, Stiftungskommissionspräsident der "Pro Juventute", Adolf Hitler in München (Huonker, S.38),  wahrscheinlich zu eugenischen Besprechungen oder zur Planung neuer Nazi-Jugendheime in der Schweiz, die die schweizer Bevölkerung bis 1945 erdulden musste. Nun führten 1934 auch Schweden und Norwegen Sterilisationsgesetze ein (Huonker, S.71). An der Jahresversammlung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft desselben Jahres kritisierte der Zürcher Pfarrer Grossman die eugenische Einteilung in "Normale" und "Abnormale" (Huonker, S.90), u.a. mit dem Argument, Beethoven hätte auch einen Trinkervater gehabt und das Vorgehen der Nazis im 3.Reich sei "in Gesetzesform verkleidete Barbarei". Dagegen befürwortete Grossmann die Sterilisation von Vergewaltigern.

(Huonker, S.91; Grossmann,H.: Erstes Votum. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, Jahrgang 73, Zürich 1934, S.426-435)

Dr.Alfred Reist, der die Sterilisierung der Frau unmittelbar nach der Geburt praktizierte, appellierte, die "erbgesunde Bevölkerung" vor "Verseuchung" zu schützen.

(Huonker, S.91; Reist, Alfred: Referat. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, Jahrgang 73, Zürich 1934, S.413).

1934 verlangte das 3.Reich die Heimführung von schweizer "Krüppeln" in die Schweiz.  Eine Studie des Rothmund-Beamten der Polizeiabteilung Ernst Scheim kam zum Schluss, dass die Sterilisierung den schweizer Staat billiger käme als die Heimnahme.

(Huonker, S.93; Scheim, Ernst: Notiz zur Frage der Heimnahme von Schweizern, die in Deutschland sterilisiert werden sollten).


Eingemeindungen in Zürich - "eugenische Bewegung" in Zürich - Widerstand "Schweizer Volks-Schutz"

Die Stadt Zürich wurde im selben Jahr durch Eingemeindungen der Dörfer Schwammendingen, Oerlikon, Seebach, Affoltern, Höngg, Altstetten, Albisrieden, Witikon die grösste Stadt der Schweiz. Die städtische Fürsorge gab sich den neuen Fürsorgefällen gegenüber grosszügig, um besser als die einstige dörfliche Fürsorge dazustehen (Huonker, S.28-29). Währenddessen definierte das Burghölzli neu "lasterhaften Lebenswandel" als Krankheit (Huonker, S.45).

Vom 18. bis zum 21.7.1934 hielt die "Eugenische Bewegung" in Zürich im Hotel Waldhaus Dolder ihre 11.Versammlung ab. Die Forel-Schüler Ernst Rüdin und August Ploetz konnten ihr neues Rassegesetz im 3.Reich vorzeigen. Kritische Fragen kamen von amerikanischen, englischen und französischen Delegationen (Huonker, S.88). Der US-Wissenschaftler Morris Steggerda setzte sich gegen eine Klassifizierung der Rassen ein, indem er forderte, auf Schwarze und Indios andere Kriterien als bei Weissen anzusetzen. Die deutsche Delegation liess sich nicht beeindrucken und bekräftigte das Ziel des "erbgesunden deutschen Volkes" (Huonker, S.89).

1935 folgten auch Dänemark und Finnland mit Sterilisationsgesetzen (Huonker, S.71). Der Zürcher Psychiatriepatient Ferdinand H. flüchtete vor der schweizer Psychiatrie in die Fremdenlegion (Huonker, S.45). In der Schweizerischen Zeitschrift für Gemeinnützigkeit stützte Amtsvormund Robert Schneider die These der "Verseuchung der erbgesunden Bevölkerung" (Huonker, S.92) und forderte auch für den Kanton Zürich eine Möglichkeit der eugenischen Abtreibung per Gesetz wie im Kanton Waadt.

(Huonker, S.93; Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, Jahrgang 74, Zürich 1935, S.3-10)

Rudolf Lämmel veröffentlichte 1936 das Buch "Grundprobleme der Rassentheorie", worin dieser sich gegen einen "kranken Nachwuchs" wandte (Huonker, S.90). Im selben Jahr bestätigte der Zürcher Universitätsprofessor A.Egger in seinem Kommentar des Zivilrechts die eugenische Praxis des "Ehefähigkeitsartikels", indem er feststellte: "Das Gesetz hat sich damit ein Postulat der Eugenik zu eigen gemacht."

(Huonker, S.111; Egger,A.: Kommentar zum Schweizerischen Zivilgesetzbuch, Bd.II: Das Familienrecht, 2.Auflage, Zürich 1936, S.45).

Die Bevölkerung von Zürich war ob der Psychiatrie-Praktiken gespalten. 1936 wuchs der Widerstand weiter an, der in der Gründung der Vereinigung "Schweizer Volks-Schutz" gegen die Praxis der Zürcher Fürsorgebehörden seinen Ausdruck fand. Kritiker der Psychiatrie lebten zu dieser Zeit immer noch gefährlich, weil damit auch die Praxis der Stadtverwaltung, der Stadtpolitik und der Justiz angegriffen wurde. Emil Estrich (Name geändert), der Irrenärzte als "Volksschädlinge" bezeichnete,  wurde wegen dieser Kritik in die Psychiatrie zwangseingewiesen. Die Psychiatrie-Diktatur fand damit ihre Vollendung und schuf sich selbst weiter neue Patienten.

(Huonker, S.165; Kielholz, Arthur: Von den Quellen der Querulanz. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Band XLII, Zürich 1938, S.60).

Eugen Bleuler, der abgetretene Chef des Burghölzli, ermöglichte 1937 in der Schweiz die Veröffentlichung des vom deutschen Nazitum inspirierten Artikels "Eugenische Prophylaxe" in der 6.Auflage seines "Lehrbuchs der Psychiatrie" (Huonker, S.64). Im selben Jahr forderte der Arzt Adolf Zolliker mehr Sterilisierungen unabhängig vom Schwangerschaftsabbruch. Es gäbe zu viele Abortbegutachtungen, aber zu wenig Sterilisationsbegutachtungen. Mit mehr Sterilisationen könne man die vielen Aborte verhindern, so Zolliker.

(Huonker, S.129; Zolliker, Adolf: Die nervenärztliche Beurteilung der Schwangerschaftsfähigkeit an der psychiatrischen Universitäts-Poliklinik Zürich in den Jahren 1933 und 1934 (1500 Fälle). In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, Band XL, Zürich 1937, S. 456).

1937 plädierte in Basel der Arzt Hans Binder für die Sterilisierung "Minderwertiger", was ein "Nutzen [...] für die Allgemeinheit" wäre.

(Huonker, S.108; Binder, Hans: Psychiatrische Untersuchungen über die Folgen der operativen Sterilisierung der Frau durch partielle Tubenresektion. In: Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie. Zürich 1937, S.10f.).

Im selben Jahr befürworteten 8 Ärzte vom Verband des Personals öffentlicher Dienste (VPOD) die Abtreibung bei "höheren Interessen (zum Beispiel eugenische)". Dabei sollte aber der Arzt, nicht die Frau entscheiden. Frauen, die eine Abtreibung selbst wünschten, wären leichtsinnig und gleichgültig und sollten das Kind austragen, dann aber sterilisiert werden (Huonker, S.125-126).


1938: Schweizer "Geisteskranke" aus Vorarlberg - der "J"-Stempel ist nur ein Puzzle-Teil der Eugenik-Politik der Schweiz

1938 nach dem Österreich-Anschluss an das 3.Reich wurden schweizer "Geisteskranke" aus Vorarlberg in die Schweiz heimgeführt und entkamen so knapp der Nazi-Euthanasie (Huonker, S.94). Die Einführung des "J"-Stempels, um die Einreise neuer jüdischer Flüchtlinge in die Schweiz zu verhindern, war in diesem Zusammenhang nur eine Verschärfung der schweizerischen, psychiatrisch-eugenisch-rassistischen Rechtsnormen in der Schweiz. Um dieselbe Zeit forderte Carl Brugger, Schularzt und Universitätsdozent in Basel, die Einführung der Vererbungsforschung in der ganzen Schweiz (Huonker, S.86-87).

1939 lobte der deutsche "Wissenschaftler" Benno Dukor die Vorreiterrolle der schweizer Regierung für ganz Europa in Sachen Verfügung von Eheverboten und Sterilisierungen:

"Mit der Schaffung der Gesetzesbestimmung des Art. 97 ZGB dürfte die Schweiz vor 27 Jahren fast das erste europäische Land gewesen sein (nur Bulgarien ist uns anscheinend in Europa darin vorausgegangen), das ein nicht nur rein privatrechtlich, sondern auch sozialhygienisch tendierendes Eheverbot für Geisteskranke einführte, ein Eheverbot, das [...] nach den Absichten des schweizerischen Gesetzgebers, insbesondere auch rassehygienischen Zielen dienen soll."

(Huonker, S.110; Dukor, Benno: Das schweizerische Eheverbot für Urteilsunfähige und Geisteskranke. Seine Theorie und Praxis für Ärzte, Juristen und Fürsorgebeamte. Zürich 1939, S.5).


1939: NS-Lob für Ernst Rüdin - Burghölzli-Direktor Maier wegen "falschem" Kind entlassen

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Ernst Rüdin mit Mitarbeiterstab
                            1938

vergrössernErnst Rüdin mit Mitarbeiterstab 1938.
  
Der NS-Staat lobte 1939 den St.Galler Rassehygieniker Ernst Rüdin, ehemals Friedmatt-Leiter in Basel, u.a. "aufgestiegen" zum Beirat für Bevölkerungs- und Rassenpolitik beim Reichsministerium des Innern des 3.Reichs in München. Zu seinem 65. Geburtstag äusserte die deutsche Seite:

"Herr Professor Rüdin hat [...] der Staatsführung des Dritten Reiches eine geschlossene Front wissenschaftlicher und praktischer Facharbeiter zur Verwirklichung des bevölkerungspolitischen Programms des Nationalsozialismus zur Verfügung gestellt. [...] So hat die deutsche Psychiatrie es seinem Weitblick und seiner Tatkraft zu verdanken, wenn sie im neuen Reich heute den Platz einnimmt, der ihrer hohen Bedeutung für die Verwirklichung der Ziele unseres Führers Adolf Hitler entspricht."

(Huonker, S.64; Roemer, H.: Vorwort zur Festschrift zum 65.Geburtstag von Ernst Rüdin. In: Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie und ihre Grenzgebiete, Berlin 1939 (unpaginiert).

Im selben Jahr 1939 musste am Burghölzli der Direktor Hans Wolfgang Maier wegen eines unehelichen Kindes mit einer Tochter eines Bundesrichters seinen Posten abgeben. Die Eugenik-Theorien von Maier blieben aber weiter Praxis der Psychiatrie (Huonker, S.165-166). 1939-1954 führte der Kanton Bern jährlich durchschnittlich 17 Sterilisierungen durch.
  
(Huonker, S.75; Böckli, Hans Rudolf (Jurist): Gesetzliche Grundlagen, rechtspolitische und gesetzgeberische Probleme der Sterilisation von Geisteskranken insbesondere nach schweizerischem Recht, 1954, S.38).


Das Gespann General Guisan - Ulrich Wille - Forschung gegen Homosexuelle - Manfred Bleuler

1940-1945 hatten die schweizer Nazis ("Frontisten") in Zürich Hochkonjunktur. Es war der Höhepunkt der Eheverbotspolitik (Huonker, S.115). Ulrich Wille, der Chef der "Pro Juventute", wurde Oberstkorpskommandant unter General Guisan (Huonker, S.38). Der schweizer Nazi-Arzt Theobald Lang forschte in jüdischen Flüchtlingslagern mit der Erlaubnis der schweizerischen Behörden im Hinblick auf die Erblichkeit der Homosexualität (Huonker, S.96).



General Guisan und Bundesrat Pilet
                            Golaz 1940
General Guisan und Bundesrat
Pilet Golaz 1940.

Manfred Bleuler, Portrait
Manfred Bleuler, Portrait.

1941 lobte Manfred Bleuler, Eugen Bleulers Sohn, in der deutschen Zeitung "Der Erbarzt" die "Erbprognose" zur Sterilisation (Huonker, S.65). Othmar Freiherr von Verschuer schrieb im selben Jahr seinen "Leitfaden der Rassenhygiene" (Huonker, S.65).


1941: Gründung der "Schweizerischen Gesellschaft für Vererbungsforschung" - Flüchtlingsproblematik

In der Schweiz gründete sich 1941 in einer allgemeinen Nazi-Euphorie eine Schweizerische Gesellschaft für Vererbungsforschung (Société Suisse de Génétique), von der Klaus-Stiftung unterstützt. Als Kollektivmitglieder waren die Firmen Hoffmann-La Roche, Geigy, Sandoz, Wander und Nestlé mit von der Partie. Die Jahresberichte der Gesellschaft hatten entsprechenden Einfluss (Huonker, S.89). Der deutsche Flüchtling Franz S. war 1941 auch in der Schweiz von Sterilisation bedroht. Der Polizeiabteilungsbeamte der Fremdenpolizei Simmen befürchtete sogar eine Flüchtlingswelle in die Schweiz, wenn Leute, die in Deutschland von Sterilisierung bedroht waren, in der Schweiz Aufnahme fänden. Der Chef der Fremdenpolizei Rothmund liess Flüchtling Franz S. in WItzwil internieren. Zu einer Ausschaffung kam es nicht (Huonker, S.94-96). Simmen betonte im Zuge des Verfahrens die Pionierfunktion der Schweiz für Sterilisationen:

"Die Schweiz hat gerade in dieser Bewegung eine bahnbrechende Rolle gespielt. Sie war das erste Land in Europa, in dem dieses Problem [die Sterilisierung "Minderwertiger"] praktische und gesetzliche Form angenommen hat."  (Huonker, S.94)


1942: "Kur" für Einstein-Sohn Eduard - Kommission für die Erbbiologie des Menschen

  

Eduard Einstein isst Eis.
Eduard Einstein, Psychiatriepatient am Burghölzli, isst ein Eis.
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1942 erfuhr der Einstein-Sohn Eduard Einstein am Burghölzli eine Insulinkur, die nichts nützte (Huonker, S.148). 1943 vollzog das 3.Reich im Namen der Vererbungslehre die Euthanasie und  Massenmord an Kranken und Behinderten (Huonker, S.64). In der Schweiz gründete sich im selben Jahr die "Kommission für die Erbbiologie des Menschen", eine Splittergruppe der Schweizerischen Gesellschaft für Vererbungsforschung, präsidiert vom neuen Burghölzli-Leiter Manfred Bleuler. Mitglieder waren v.a. Mediziner (Huonker, S.62,89).


1943: Taubheit soll nicht mehr erblich sein - Ulrich Wille wieder in Berlin

1943 präsentierte Marianne Ulrich ihre Untersuchung, wonach Gehörlosigkeit nicht vererbbar sei.

(Huonker, S.83; Die Taubstummenehe und ihre praktische Auswirkung. Eine Erhebung bei 50 taubstummen Ehepaaren im Kanton Zürich. Diplomarbeit an der sozialen Frauenschule. Zürich 1943, Seite 3).

Im selben Jahr war Ulrich Wille wieder auf "Besuch" in Berlin bei hohen Nazi-Funktionären und Nazi-Verwandten (Huonker, S.38). 


1944: Manfred Bleulers Erblichkeiten - Carl Brugger fordert eine "erbhygienische Bevölkerungspolitik"

1944 definierte Manfred Bleuler ca. 4-5% der schweizer Bevölkerung als eheunfähig (Huonker, S.118). Der Sinto (Plural Sinti) Anton Reinhardt flüchtete vor der Sterilisierung im 3.Reich in die Schweiz, indem er durch den Rhein schwamm. In der Schweiz wurde er "nur" inhaftiert (Huonker, S.96). Die Schweizerische Gesellschaft für Vererbungsforschung" (Société Suisse de Génétique) veranstaltete einen "Fortbildungskurs" mit dem Thema "Genetik für Ärzte und Biologen", in Zusammenarbeit mit der medizinischen Fakultät der Universität Zürich, der Ärztegesellschaft Zürich und der Hygiene-Kommission der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft. Dabei kamen die Röntgenschäden, Zwillingsforschung (Huonker, S.89), Ohrkrankheiten und die Vererbbarkeit von Augenleiden zur Sprache. Der Basler Universitätsdozent der Rassenhygiene, Carl Brugger, forderte am "Fortbildungskurs" eine  "erbhygienische Bevölkerungspolitik". Manfred Bleuler präsentierte in derselben Veranstaltung "psychiatrische Erbprognosen" betreffend "Schizophrenie", Epilepsie und Depressivität (Huonker, S.90).


These 1944: Epilepsie soll nicht mehr erblich sein

1944 beobachtete der Direktor der Epilepsieklinik Zürich, Friedrich Braun, dass sich  während Schwangerschaften epileptische Anfälle häuften. Er stellte fest, dass Epilepsie nicht erblich sei, sondern dass eine Hirnverletzung angenommen werden musste. Braun qualifizierte 20% der Kinder von Epileptischen als "geistig minderwertig" bzw. diese hätten "ungünstiges Erbgut".

(Huonker, S.85-86; Medizinischer Bericht. In: 58.Bericht der Schweizerischen Anstalt für Epileptische in Zürich, Zürich 1944, S. 18-26).

Sein Bericht änderte aber nichts an der eugenischen Orientierung bei Epileptikern bis in die 1960er Jahre (Huonker, S.86). Sanitätsrat und Kastrationsgutachter für Männer Charlot Strasser wurde 1944 wegen Duldung des Hamsterns von rationierungspflichtigen Lebensmitteln in diversen Anstalten degradiert. Strasser verlor seine Funktion als Anstaltseinweiser und Begutachter, blieb aber im kantonalen Sanitätsrat (Huonker, S.167). Am 19.4.1944 erhielt der St.Galler Rassistenphilosoph Ernst Rüdin für die "Verdienste" in der "Erbpflege"  zum 70.Geburtstag einen Nazi-Orden, überreicht von Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti: "Adlerschild des deutschen Reiches" mit der Inschrift "Dem Bahnbrecher der menschlichen Erbpflege" (Huonker, S.64). 

Im selben Jahr wurde in Zürich die Kinderpsychiatrie vom Burghölzli nach Männedorf verlegt (Huonker, S.37). 1944-1950 erfuhr der Einstein-Sohn Eduard Einstein Elektroschocks gegen Schizophrenie, die aber nichts nützten. Seiner Mutter Mileva Einstein wurde eine "schizophrene Heredität" [Erblichkeit] zugeschrieben (Huonker, S.147-148). Im September 1944 wurde der Sinto Anton Reinhardt ans 3.Reich ausgeliefert, wo ihm weiter die Sterilisierung drohte. Noch am Ostersamstag des Jahres 1945, kurz vor Kriegsende, wurde er von der SS erschossen (Huonker, S.95-96). 


Ernst Rüdin, schweizer NS-Rassist mit
                            NS-Orden, Profil 1944.
Ernst Rüdin, schweizer NS-Rassist mit NS-Orden, Profil 1944.
Mileva und Albert Einstein, Portraits.
                            Mileva soll erbliche Schizophrenie
                            besitzen?
Mileva und Albert Einstein, Portraits. Mileva soll erbliche Schizophrenie besitzen?

Albert Einstein fährt Velo
Albert Einstein, zu diesem Zeitpunkt in "Amerika" am Atombombenbau, fährt Velo.

[Die Rassisten erkannten nicht, dass sie selber schizophren sind...]



Das nazistische Zürich 1945-1970: Die Sterilisierungen und Eheverbote gehen weiter!

Nach dem Kriegsende in Europa im Mai 1945 setzte in Deutschland die Entnazifizierung ein. In der Schweiz begnügte man sich, die deutschen NSDAP-Mitglieder auszuweisen, die Nazi-Heime zu schliessen und den Kriegsprofit auf die hohe Kante zu legen. Die Elite Europas und in der Schweiz änderte ihre Einstellung zur Vererbungslehre und zu den Sterilisationen aber kaum.  Die gesellschaftlichen Deformationen blieben dabei katastrophal. Im Sommer 1945 wurde der St.Galler Rassehygieniker Ernst Rüdin, der ein wesentlicher Vertreter der Euthanasie im 3.Reich gewesen war, ausgebürgert (Huonker, S.96). In Deutschland rechtfertigten die führenden Ex-Nazis die Krankenexperimente mit der Praxis in den "USA". In Zürich gründete sich gleichzeitig der "psychiatrische Dienst der Stadt Zürich" unter Leitung des neuen Stadtarztes Hans Oskar Pfister (Huonker, S.167). Die schweizer Krankenkassen setzten ein erstes anti-eugenisches Signal, indem sie ab 1945 die Kostenübernahme der Sterilisation bei Drohung des Eheverbots verweigerten (Huonker, S.130). Dies hatte aber zur Folge, dass die Betroffenen die Sterilisation nun auch noch selbst bezahlen mussten, wenn diese heiraten wollten. Ludwig Wille schlug die Sterilisation als "Pflichtleistung" vor (Huonker, S.130-131), und in der Schweiz galt Homosexualität weiter als  "psychisch relevante Geistesstörung", ohne jede gesetzliche Grundlage. Die Kastration wurde jeweils mit Drohung der "Dauerinternierung" erzwungen (Huonker, S.155-156). Der Widerständler gegen die Burghölzli-Psychiatrie, Surava, wurde vom nazi-orientierten Bundesrat von Steiger inhaftiert, schikaniert und so mundtot gemacht (Huonker, S.168). [bzw. Surava konnte unter seinem Namen nicht mehr publizieren und musste Pseudonyme verwenden].

Die rassistischen Eugeniker-Ärzte machten in der Schweiz 1945-1970 weiter mit Sterilisierungen Karriere, wie wenn es keine Menschenrechtserklärung gegeben hätte (Huonker, S.96,99). [Die Schweiz unterschrieb die Menschenrechte auch erst 1968]. An der Nazi-Psychiatrie wurde nichts geändert (Huonker, S.168).

Die Nazi-Forschung über Eugenik galt in der Schweiz als Grundlage für weitere Sterilisierungspraxis  (Huonker, S.100) zur Verhütung "erbkranken Nachwuchses", mit Unterstützung der "Julius-Klaus-Stiftung" und ihres Präsidenten auf Lebenszeit, Schlaginhaufen. Die Eugeniker Zurukzoglu und Hanhart wurden Universitätsprofessoren (Huonker, S.96). Die "eugenischen Zwecke" waren  weiter zu verfolgen, so der Prof. der Universität Bern, Jakob Wyrsch, in seinem Buch "Gerichtliche Psychiatrie" von 1946. Ebenso wirkten Schriften von Luxenburger, Zurukzoglu und Brugger (Huonker, S.97).

Besonders aktiv blieb Ernst Hanhart, der an der Universität Zürich Professor wurde, die "Erbbiologie" von Gehörlosen und von "Mongoloiden" erforschte und noch bis 1972 "eugenische Beratungen" betrieb. Seine Studenten unterstützten die Sterilisierungs-Praxis bis 1972 und untersuchten z.T. Dörfer nach verdächtigen "Sippen" (Huonker, S.99). Die führenden "Psychiater" bekamen auch eine führende Rolle bei der "medizinischen Begutachtung", z.B. Eugen und Manfred Bleuler und Hans W. Maier in Zürich sowie der frei praktizierende "Psychiater" Charlot Strasser, der sich gegen den Schwangerschaftsabbruch wandte, dafür oft Sterilisationsdiagnosen bei Frauen durchführte (Huonker, S.105,107).

Sterilisation wurde international als "rein ärztliche Angelegenheit" betrachtet (Huonker, S.97) und die "Pro Juventute" betrieb weiter die Unterbindung der Vermehrung von "Vaganten" durch Kindswegnahmen (Huonker, S.82). Auch in den "USA", in Skandinavien und in der BRD wurden weiter Sterilisierungen vorgenommen. In der BRD führend waren die "Erbbiologen" Othmar Freiherr von Verschuer und Friedrich Stumpfl. Die "Erbgesundheitsgerichte" waren abgeschafft, die Praxis der Sterilisierung lief aber weiter (Huonker, S.97),  in den "USA" bis 1985 (Huonker, S.65).

1946 starb der militärisch-rassistische Zürcher Fürsorgesekretärs Ludwig Wille (Huonker, S.130). Die Eheeinsprachefälle übernahm der Sekretär der Präsidialabteilung Dionys Gurny. Gurny setzte auf Kunstförderung, betrieb die Eheverhinderung nur in geringerem Masse weiter. Zürich hielt als einzige schweizer Stadt bis 1970 an einer "eugenischen" Eheverbotspraxis fest (Huonker, S.117). Dabei unterstützte sogar das Bundesgericht den Zürcher Eheverbotsterror, und die Kosten hatten die Betroffenen zu tragen (!) (Huonker, S.122).


Ziel: "Ausrottung" der Schizophrenie - Gutachten-Praxis zur Sterilisation und Kastration

1947 behauptete der Direktor der Psychiatrie-Klinik Rheinau, Hans Binder, dass Schizophrenie erblich sei. Nachwuchs gelte es zu unterbinden, weil die Schizophrenie sonst nicht ausgerottet werden könne. Auch die von Schizophrenie Geheilten sollten noch sterilisiert werden.

(Huonker, S. 108; Binder, Hans: Die Schizophrenie in fürsorgerischer Hinsicht. In: Schweizerische Zeitschrift für Gemeinnützigkeit, 86.Jahrgang, Heft 8, August 1947, S.197-198).

An der psychiatrischen Poliklinik Zürich behauptete Arzt Alfred Glaus weiter die Erblichkeit des "leichten schizophrenen Defektzustands" (Huonker, S.123). Manfred Bleuler empfahl zur Heilung von Schizophrenie weiterhin stark die Leukotomie (Gehirnoperation) (Huonker, S.152). 

Ab 1947 wurden die eugenisch-rassistischen Gutachten von Hans Binder wegweisend und fanden in  der ganzen Schweiz Nachahmung (Huonker, S.109). 1947 verfügte die Zürcher Gesundheitsdirektion, dass Patienten keine Arbeit für Beamtete verrichten dürften (Huonker, S.139). 1948 empfahl der Zürcher Sanitätsrat Charlot Strasser weiterhin die Röntgenkastration bei Frauen. Von Abtreibungen mittels Röntgenstrahlen riet er jedoch ab.

(Huonker, S.126; Charlot: Der Arzt und das keimende Leben. Schwarzenburg 1948, S.97).

Die manchmal tödlichen Röntgenkastrationen wurden im Kanton Zürich noch bis 1968 praktiziert (Huonker, S.126)  und somit Todschlag willentlich in Kauf genommen. Der Widerstand gegen die menschenverachtend rassistisch-eugenische Psychiatrie- und Justizpraxis im Kanton Zürich nahm nun literarische Formen an (Huonker, S.168).


Aufdeckung der kriminellen Zustände in der Psychiatrie Rheinau - Jenische bis 1973 verfolgt

1948 schilderte Agnes Roth die Folter in der Psychiatrie Rheinau wie Anbinden, Isolation, Briefzensur, Androhung einer schwarzen Spritze, die fünfstündiges Erbrechen bewirkt und Schläge.

(Huonker, S.168; Roth, Agnes: Ich klage an. Wahre Berichte und Selbsterlebnisse aus Irrenhäusern. Selbstverlag, Zürich o.J. (1948), S.47, 60-61).

Ebensolches berichtet auf der Psychiatrie Rheinau der Bericht von Paul S. (Huonker, S.169; Lebensgeschichte von Paul S., S.7). Die 1948 ausgearbeitete und verabschiedete Genozidkonvention der UNO schützte die Jenischen in der Schweiz nicht. Die Jenischen wurden bis 1973 verfolgt. Es handelte sich um offiziell geduldeten Völkermord (Huonker, S.39).


Zürich 1950er bis 1960er Jahre: Jagd auf Scheinehen - über Abtreibung sollen weiterhin die Männer entscheiden - neue "Medikamente" für die Psychiatrie - Wachstumsphase bis 1973 und Rückgang der Armut

In den 1950er und 1960er Jahren hatte Zürichs Verwaltung, Fremdenpolizei und Justiz eine neue Beschäftigung gefunden. Sie untersuchten die Ehen zwischen Gastarbeitern und Gastarbeiterinnen aus Italien und schweizer BürgerInnen auf Scheinehe (Huonker, S.117).

Ab den 1950er Jahren wurde die Diskussion immer lauter, ob die Frau um ihre Abtreibung allein entscheiden könnte. Die männlich-patriarchale Eugenik dagegen wollte die Frauen weiter unter Zwang stellen, die Kinder auszutragen, um dann die Macht zu haben, die Frau zu sterilisieren (Huonker, S.98). 

Zur selben Zeit [im Zuge der Kriegsentwicklungen in Korea und Vietnam] erfanden die Chemiegiganten die Neuroleptika, Lithium und Antidepressiva im Dienste der Psychiatrie (Huonker, S.144). Im Zuge des Kriegsprofits und des Kalten Krieges blieb die Schweiz der Tresorstaat aller Grossmächte. Infolgedessen verschwand die "Bittere Armut", unterstützt durch neue Sozialversicherungen, den Ausbau des Stipendienwesens und die  Hochkonjunktur bis 1973. Dagegen breitete sich neues Elend in den Fremdarbeiterbaracken aus (Huonker, S.169).

[Die Staaten Afrikas und Asiens werden unabhängig, die Industrie bleibt aber in den Händen der Weissen. So finanziert sich das Wirtschaftswachstum. Die Kulturzerstörung in Afrika und Asien durch die "Entwicklungshilfe" wird nicht beachtet].


1950: Menschenrechte ausser Frankreich und Schweiz - Abtreibung bei "minderwertigem Baby" - Eduard Einstein verwarlost? - Böckli fordert ein Sterilisationsgesetz zum Art. 97 ZGB

1950 unterschrieben alle Mitglieder des Europarats ausser Frankreich die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK). Die Schweiz unterschrieb nicht, u.a. wegen dem darin festgelegten Frauenstimmrecht (Huonker, S.164; dtv-Lexikon 1990, Bd.12, S.47). Die Diskriminierung der schweizer Frauen sollte eidgenössisch erst 1970 ein Ende finden. 1953 befürwortete die rassistisch-eugenische Ärztin Paulette Brupbacher die Abtreibung bei "Minderwertigen", weil dies "geistig unbrauchbare, lebensuntaugliche Elemente" seien, die "der Gemeinschaft" nicht "zugemutet" werden könnten (Huonker, S.98; Paulette Brupbacher: Meine Patientinnen. Zürich 1953, S.232).

Im selben Jahr wurde Eduard Einstein Verwahrlosung vorgeworfen. Er "streiche ums Haus" und könne "durch sein Landstreicheraussehen Besucher verscheuchen." (Huonker, S.148; Eintrag ins Patientendossier Nr.27445 im März 1957).

Der eugenisch-rassistische Zürcher Jurist Hans-Rudolf Böckli forderte 1954 in seiner Dissertation ein gesamtschweizerisches Sterilisationsgesetz, weil der Art. 97 ZGB (über die "Ehefähigkeit") nicht genug Spielraum bot. Die Mehrheit der schweizer Ärzte wollten aber kein Gesetz, um die Diskussion in der Öffentlichkeit "nicht anzufachen" (Huonker, S.97). Böckli forderte in seiner Dissertation auch eine Meldepflicht für "Geisteskranke". 

(Huonker, S.117; Böckli, Hans Rudolf: Gesetzliche Grundlagen, rechtspolitische und gesetzgeberische Probleme der Sterilisation von Geisteskranken insbesondere nach schweizerischem Recht. Winterthur 1954, S.30).


Elektroschocks gegen Schwule in England

Auch in England wurde z.B. die Definition, dass Schwule "Kranke" seien, in den 1950er Jahren weiter zum Vorwand benutzt, diese in Gefängnissen mit Elektroschocks zu "behandeln" und ihnen das weibliche Hormon Östrogen zu verabreichen. Das britische Innenministerium finanzierte die Experimente mit dem Ziel, "den Ursachen von "sexueller Abnormität" auf die Spur zu kommen". Wer länger als 8 Sekunden ein Männerbild betrachtete, wurde mit Elektroschock gefoltert. Die Abschlussberichte der Versuche behaupteten, dass über 50% der "Versuchspersonen von der Behandlung profitiert hätten und in Zukunft wahrscheinlich weniger homosexuelle Aktivitäten entfalten würden".

(Elektroschocks an Schwulen in britischen Gefängnissen; In: Neue Zürcher Zeitung NZZ 29./30.11.1997, S.20)


1960er Jahre: Letzte Ehrung für eugenische Rassisten in Zürich - Hippies - Mord durch Röntgensterilisation bis 1968

Erst 1958 gab der Militär Ulrich Wille die Führung der "Pro Juventute" ab (Huonker, S.38). 1960 fanden im Kanton Zürich immer noch sexuelle Observierungen statt (Huonker, S.26). Das Konkubinatsverbot war in den 1960er Jahren im Kanton Zürich jedoch bereits nicht mehr durchsetzbar (Huonker, S.110). Die Polizei in Zürich fand dennoch immer noch Beschäftigung mit Razzien gegen die Homo-Szene am 1./2.Juli 1960, 15.9.1960 und 6./7.12. 1963 (Huonker, S.155). 

Schweizweit begann nun aber eine kritische Auseinandersetzung um die Psychiatrie, die von den Juristen nicht mehr verfolgt werden konnte (Huonker, S.170). Die Ewiggestrigen wie der schweizer Prof. Alfred Glaus propagierten 1962 weiter die Sterilisation der Mutter direkt nach der Geburt (Huonker, S.98), und noch 1964 wurde der Eugeniker, Rassist und Leiter der Psychiatrie Rheinau, Hans Binder, Ehrendoktor der Universität Zürich (Huonker, S.109). Erst 1966 verwarf Burghölzli-Leiter Manfred Bleuler die Gehirnoperation bei Schizophrenie (Huonker, S.152).

1968 galt in den weiss-rassistisch regierten "USA" die Homosexualität immer noch als Krankheit (Huonker, S.155).  Erst in diesem Jahr unterzeichnete die schweizer Regierung (Bundesrat) die Europäische Menschenrechtskonvention (Huonker, S.164). Im Zuge der Rebellion gegen den Vietnamkrieg entstanden gleichzeitig neue rebellische Bevölkerungsgruppen, die überhaupt nicht in das Bild der Eugeniker passten: Hippies, Halbstarke, Rocker und Drogensüchtige (Huonker, S.169). Eine letzte Röntgenbehandlung zur Sterilisation im Kantonsspital Winterthur 1968 kostete eine 14-jährige jenische Jugendliche das Leben. Es war staatlich sanktionierter, rassistisch motivierter Todschlag (Huonker, S.126). 


Zürich: Erst in den 1970er Jahren Abwendung vom eugenischen Rassismus - Aufhebung der Konkubinatsverbote - neue Therapieformen - Entkriminalisierung der Homosexualität 1974

Erst 1970 kam es bei der schweizer Psychiatrie zu einer grundlegenden Abwendung der Nazi-Rassismusforschung. Die Mauern um die Klinik Burghölzli in Zürich wurden abgerissen, die Gitter aus den Fenstern entfernt und die Briefzensur abgeschafft (Huonker, S.136). Der weiss-rassistisch amerikafreundliche Stadtpräsident von Zürich, Sigmund Widmer, konnte am 26.2.1970 eine Heiratseinsprache gegen den Stadtrat nicht mehr durchsetzen (Huonker, S.124). Die Schweizerische Gesellschaft für Vererbungsforschung (Société Suisse de Génétique) löste sich 1970 auf (Huonker, S.89).

Das Konkubinatsverbot wurde im selben Jahr im Kanton Zürich aufgehoben (Huonker, S.111),  blieb aber in vielen konservativen Kantonen der Schweiz weiter [bis in die 1990er Jahre] bestehen [zuletzt noch im stockkatholischen Kanton Obwalden]. Der Umschwung weg von Sterilisierungen und Zwangsmethoden dauerte insgesamt bis in die 1980er Jahre (Huonker, S.170). Als neue Therapien kamen Ergotherapie, Maltherapie, Einzel- und Gruppengesprächstherapie zum Zug (Huonker, S.144).

Erst 1974 wurde die Homosexualität von der schweizer Regierung von der Liste der "psychisch relevanten Geistesstörungen" gestrichen (Huonker, S.155).

[In der Praxis sah es aber anders aus: Homosexuelle hatten bis in die 1990er Jahre unter massiven Diskriminierungen zu leiden, bei der Wohnungsuche, bei der Stellensuche etc.].


Versuch der Vertuschung des Rassismus in der Ärzte-Medizin - fürsorgerischer Freiheitsentzug bis 1980er Jahre - Sterilisationen in den "USA" gegen Indianer-Frauen bis 1985

Der Rassismus der Ärzte-Medizin sollte ausserdem weiter vertuscht werden. 1979 erschien eine bewusst zensierte Gesamtausgabe der Werke des Eugenik-Rassisten Hans Binder (1899-1989), Leiter der psychiatrischen Poliklinik Basel 1932-1942, Dir. der Psychi Rheinau 1942-1964 und Gründer der psychiatrischen Poliklinik Winterthur 1945 (Huonker, S.107-108).

Bis 1981 war im Kanton Zürich der fürsorgerische Freiheitsentzug (FFE) eine willkürlich durchsetzbare Terrormassnahme. Erst zu diesem Zeitpunkt trat eine Neuregelung in Kraft (Huonker, S.164) mit der Möglichkeit, Rekurs einzulegen (Huonker, S.175). Zur Sterilisation verfügte der Bundesrat erst 1981 eidgenössische Richtlinien (Huonker, S.71). Die rassistisch regierte "USA" unter Reagan hörte mit ihren Sterilisationen und ihrem Völkermord an Indianer-Völkern erst 1985 auf (Huonker, S.60).   


Wegsterben der Rassisten ohne jede Bestrafung - Versuch der Rehabilitation der Psychiatrie-Opfer - Klaus-Stiftung "forscht" im Gen-Bereich - Österreich sterilisiert immer noch (Stand 2002)

Die Neuorientierung der Psychiatrie konnte sich durchsetzen, und die alten Rassisten-Eugeniker, die eine "bessere Gesellschaft" im Sinne der Nazis schaffen wollten, starben langsam weg. Deren Tätigkeit kam in den 1990er Jahren mehr und mehr ans Licht und forderte politische Bewältigung.

z.B.:
-- Huonker, S.142;
-- Hell, Daniel: "Klinische Psychiatrie - Woher? - Wohin? In: Psychiatrie im Aufbruch. Festschrift 100 Jahre Universitäts-Klinik für Psychiatrie Innsbruck. Innsbruck 1993, S.53-62 -- Huonker, S.130;
-- Keller, Christoph: Der Schädelvermesser. Otto Schlaginhaufen - Anthropologe und Rassenhygieniker. Eine biographische Reportage. Zürich 1995, S.157


[1990er Jahre: Anerkennung von Schwulen und Lesben
Erst in den 1990er Jahren setzte sich in der Schweiz die Anerkennung von Schwulen und Lesben endgültig durch. Erst jetzt wurde das Thema auch von den Medien enttabuisiert und die Allgemeinheit schien erst jetzt zu erkennen, dass Lesben und Schwule die Sexualität der Bisexuellen nicht angreifen wollten. Der zuerst in "Amerika" etablierte Christopher Street Day der Lesben und Schwulen spielte dabei eine nicht unwesentliche Rolle. Die Statistik stellte bei Schwulen und Lesben z.T. sogar eine positivere Lebensführung als bei den Bisexuellen fest. Die rassistisch Zurückgebliebenen argumentierten, die Bevölkerung würde aussterben, wenn es zu viele Lesben und Schwule gäbe...].

Lesben
                          Kuss
Lesben: Öffentlicher Kuss wird gesellschaftsfähig.
Schwule
                          Kuss
Schwule: Öffentlicher Kuss wird gesellschaftsfähig.

1999 wurde in der schweizer Regierung der Vorschlag der Parlamentarierin Margrith von Felten diskutiert, den
    

Margrith von Felten, Portrait, setzte
                          sich für die Rehabilitation der
                          Psychiatrieopfer ein.
Margrith von Felten, Portrait, setzte sich für die Rehabilitation der Psychiatrieopfer ein.
Psychiatrieopfern bei erzwungenen Operationen eine Entschädigung zuzugestehen (Huonker, S.172), wobei aber die meisten Opfer bereits verstorben waren. Innerhalb der Forschung über die schweizer Psychiatrie bleibt komischerweise das Dossier über den Einstein-Sohn Eduard unauffindbar (Huonker, S.149).

Währenddessen forscht die Klaus-Stiftung weiter im Gen-Sektor und im Bereich der Gen-Vererbung (Huonker, S.88). Noch schrecklicher nimmt sich scheinbar der bleibende Ärzterassismus in anderen europäischen Ländern aus. In Österreich finden heimliche Sterilisationen bis in die Gegenwart statt, speziell auch bei sehr jungen, geistig behinderten Mädchen... [Stand 2002] (Huonker, S.131)


[Ab Ende 1990er Jahre: Heirat von Schwulen und Lesben

Schwule und Lesben können inzwischen in manchen Staaten heiraten und Kinder adoptieren. Vorreiter ist Dänemark. Die Mehrheit der immer amerikafreundlichen Regierung der Schweiz verweigert jedoch diesen Schritt für die Schweiz (Stand 2006). Die Welt wird aber sicher nicht wegen schwulen und lesbischen Heiraten zerstört, sondern durch die Kapitalisten (vor allem die "USA") und die Helfer (u.a. die schweizer Regierung), die die Welt immer noch wie ein Ausbeutungsobjekt behandeln].

Hochzeit von Lesben
Hochzeit von Lesben



Hochzeit von Schwulen
Hochzeit von Schwulen


Schlusswort: Wo ist die Eltern-Psychiatrie? Kriegstreiber in die Psychiatrie! - wo stand die Kirche?

Hier ist eine Hölle: Die Kinder werden Opfer unmenschlicher, kapitalistischer Lebensbedingungen, entwickeln ein eigenartiges Verhalten und werden dann "krank" geschrieben und Versuchskaninchen von "Therapien".

Wir müssen die Erwachsenen therapieren, die unmenschliche Bedingungen für Kinder und deren Eltern schaffen, und nicht die Kinder therapieren, die Opfer der rassistischen und geldsüchtigen Erwachsenen sind.

Wir müssen die Kriegstreiber krank schreiben und in die Psychiatrie schicken, nicht die Opfer von Kriegen.

Es wäre zu hoffen, dass die Menschheit die Hölle der eugenisch-rassistischen Psychiatrie bald endgültig überwunden haben wird.

Bemerkenswert ist, dass die Kirche keine Gegenkraft zur rassistischen Eugenik entwickelte, so dass nicht nur Hitler sich jeweils auf die Kirche berufen konnte, um gegen Andersgläubige, "Ungläubige" und gegen andere Hautfarben zu hetzen. Die Verbindung zwischen rassistischer Eugenik und Kirche harrt der detaillierten Aufarbeitung bis heute.

Michael Palomino, 2006

=====

Meldungen


Spiegel
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5.1.2012: "USA" und Zwangssterilisationen - ganz normal bis 1981: <Zwangssterilisation in den USA: Die verdrängte Schande>

aus: Spiegel online; 5.1.2012;
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,806709,00.html

<Von Marc Pitzke, New York

Mehr als 60.000 Amerikaner wurden im 20. Jahrhundert auf Geheiß des Staates zwangssterilisiert. Die Nazis nahmen sich das schreckliche Eugenik-Programm zum Vorbild, das erst 1981 endgültig auslief. Jetzt erhalten die Opfer Wiedergutmachung. Vielleicht.

[Vergewaltigt und als "Strafe" zwangssterilisiert - das ist weisse "US"-Logik - Sterilisation während der Geburt]

Fast 44 Jahre ist es her, doch Elaine Riddick kommen immer noch die Tränen. "Man hat mich verleumdet", sagt sie und tupft sich mit einem Taschentuch die Augen trocken. "Man hat mich verspottet." Ihre Stimme bebt: "Sie haben mich aufgeschnitten wie eine Sau!" Ihr Sohn Tony, der neben ihr steht, streicht ihr tröstend über den Rücken.

Die Szene, als körniges Video aufgezeichnet, die Dialoge protokolliert, offenbart ein schreckliches Kapitel der US-Geschichte - und eines, das bislang kaum erforscht worden ist. Elaine Riddick ist darin ein Angelpunkt.

Riddick, heute 57 Jahre alt, war 14, als es geschah. Die Schwarze wuchs ohne Eltern auf, in Winfall, einem bettelarmen Dorf in North Carolina. Erst kam sie ins Waisenhaus, dann zur mittellosen Großmutter. Kurz darauf vergewaltigte sie ein älterer Bekannter. Riddick wurde schwanger, doch das Sozialamt hatte wenig Mitgefühl: Es erklärte Riddick für "minderbemittelt" und "promisk" und verhängte eine damals übliche Strafmaßnahme: Zwangssterilisation.

Die Großmutter, eine Analphabethin, unterschrieb die Einverständniserklärung mit "X". Der dramatische Eingriff erfolgte 1968 - während des Kaiserschnitts, mit dem Riddick ihr erstes und einziges Baby zur Welt brachte.

[Alle, die nicht ins System passen, werden "geisteskrank" erklärt und sterilisiert - Eugenik-Gesetze in 32 "US"-Bundesstaaten - Entschädigungen]

Riddick war kein Einzelfall. Mehr als 60.000 Amerikaner wurden zwischen 1907 und 1981 zwangssterilisiert. Die Begründung der Behörden: Sie seien geisteskrank, gemeingefährlich, der Fortpflanzung unwürdig. Zum Höhepunkt der sogenannten Eugenik-Bewegung gab es Sterilisierungsgesetze in 32 US-Bundesstaaten.

Nur sieben Staaten haben sich seither förmlich bei den Opfern entschuldigt. Doch jetzt sollen die Überlebenden endlich eine Wiedergutmachung erhalten. North Carolina geht, als bisher einziger Staat, noch einen Schritt weiter: Man erwägt, die gut 3000 noch lebenden Betroffenen zu entschädigen.

"Mehr bieten als nur eine verbale Entschuldigung"

"Wir wollen Wege finden, endlich Gerechtigkeit zu schaffen", sagt Charmaine Fuller Cooper, die Vorsitzende einer von North Carolinas Gouverneurin Bev Perdue eingesetzten Stiftung für Sterilisierungsopfer, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Wir wollen mehr bieten als nur eine verbale Entschuldigung." Doch die Herausforderung sei enorm: "Dies hat sich als ein sehr schwieriges Unterfangen entpuppt."

Bis zum 1. Februar soll eine Untersuchungskommission klären, wie verfahren werden soll. Dazu hielt sie unter anderem eine Anhörung ab, bei der Opfer wie Elaine Riddick zu Wort kamen. "Ich muss öffentlich machen, was der Staat North Carolina mir angetan hat!", rief Riddick da. Ihr Sohn Tony nannte das Sterilisierungsprogramm "vorsätzlichen Mord" und "nichts anderes als Genozid".

Im bevölkerungsarmen Südstaat North Carolina, in dem weniger Menschen leben als im Großraum New York City, fielen von 1929 bis 1974 rund 7600 Personen unter das Sterilisierungsprogramm. Andere Staaten, etwa Kalifornien und Virginia, ließen mehr Betroffene sterilisieren, doch nirgends waren die Vorschriften so rigide wie in North Carolina. Sozialarbeiter entschieden auf eigene Faust, wer unters Messer kam. Leiten ließen sie sich dabei von rassistischen Vorurteilen und meist fehlerhaften Intelligenztests.

Fast die Hälfte der Sterilisierten in North Carolina waren Angehörige von Minderheiten, die meisten waren Afroamerikaner. 85 Prozent waren Frauen und Mädchen, das jüngste Opfer war erst zehn. Mehr als zwei Drittel der Sterilisierungen erfolgten in den Nachkriegsjahren.

[Eugenik behauptet, soziale Probleme wie Armut und Kriminalität seien erblich]

Die Ideologie stammte aus dem 19. Jahrhundert. US-Wissenschaftler behaupteten, soziale Probleme wie Armut und Kriminalität seien vererblich: Die "anglo-amerikanische Rasse" müsse davor geschützt werden. Eltern mit "guten Genen" wurden ermutigt, Kinder zu zeugen, "Minderwertige" dagegen daran gehindert - Behinderte, Alkoholiker, Prostituierte, Obdachlose, Straffällige.

1907 erließ Indiana das erste Sterilisierungsgesetz. Bald folgten Dutzende US-Staaten. Harry Laughlin, der langjährige Chef-Eugeniker der USA, propagierte die Eingriffe auch als Waffe gegen "moralisch und intellektuell minderwertige" Immigranten aus Europa, die angeblich den US-Genpool vergifteten. Es gab sogar Wettbewerbe, um die Zucht "reiner" Familien zu fördern ("Better Baby Contests").

US-Vorgehen als Grundlage der Nürnberger Rassengesetze - [die NSDAP kopiert "US"-Gesetze]

Da horchten selbst die Nazis in Deutschland auf: Die amerikanischen Sterilisierungsprogramme beeinflussten sogar die Nürnberger Rassengesetze. Die Universität Heidelberg verlieh Laughlin 1936 den Ehrendoktor.

[Die korrupte "US"-Justiz kommt meist ungeschoren davon, es sei alles "verjährt"]

Die letzte US-Zwangssterilisation fand 1981 statt. Einige Opfer klagten später vor Gericht. Die meisten unterlagen wegen Verjährung, andere bekamen läppische Summen. Erst 2002 entschuldigte sich der Bundesstaat North Carolina bei den Opfern. Viele arme Familien waren zur Sterilisierung ihrer Kinder gezwungen worden - mit der Drohung, ihnen werde sonst die Sozialhilfe gestrichen.

[Erpressung des Sozialamts im Jahre 1965: Sozialhilfe nur gegen Sterilisation]

Etwa die heute 65-jährige Nial Ramirez, die 1965 mit 18 sterilisiert wurde. Sozialarbeiter hatten sie unter Druck gesetzt: "Sie drohten mir, dass meine Brüder und Schwestern auf der Straße landen würden", berichtete sie bei der Anhörung der Untersuchungskommission. "Entweder ich unterzeichnete, oder Mamas Scheck würde einkassiert." Ramirez war 1973 das erste Opfer, das den Staat verklagte. Sie bekam in einem Vergleich 7000 Dollar - von dem Arzt.

[Wiedergutmachung beim "Holocaust" von North Carolina]

"Dies ist North Carolinas Holocaust", sagte Australia Clay, deren Mutter Margaret Check zwangsterilisiert worden war. "North Carolina, wir bedanken uns für die Entschuldigung. Aber das ist nicht genug. Wir bedanken uns für die 20.000 Dollar. Das ist nicht genug."

Dabei nimmt der lange als hinterwäldlerisch verrufene Staat heute eine Führungsrolle im Kampf um die Wiedergutmachung ein, unter Direktive der seit 2009 amtierenden demokratischen Gouverneurin Bev Perdue. "Wir wollen anderen Staaten zeigen, dass das falsch, grauenhaft, ungeheuerlich war", sagt die voriges Jahr berufene Stiftungschefin Cooper, eine erfahrene Bürgerrechtsaktivistin. "Und dass so etwas nie wieder geschehen darf."

Die Aufarbeitung ist eine Sisyphusarbeit. Die Stiftung durchforstet alte Akten des Eugenics Board, des 1974 geschlossenen Sterilisierungsamts, auf der Suche nach noch lebenden Betroffenen. Deren Zahl schätzt Cooper auf 3000, doch erst 68 konnten bisher identifiziert werden.

"Das reißt alte Wunden auf" - [die Kontaktaufnahme zu den Opfern ist oft schwierig - sie verstecken sich zum Teil immer noch]

Viele wollten das Trauma auch nicht erneut durchleben, sagt Cooper. Die Akten enthielten oft schmerzliche Details über Behinderungen, Krankheiten, Elend, Armut, Missbrauch, Inzest. "Das reißt alte Wunden auf." Manche Opfer legten bei einem Anruf einfach wieder auf. Andere flüsterten nur, weil selbst engste Angehörige noch nichts von ihrer Sterilisierung wussten.

Die "schwierigste Frage" (Cooper) sei die der Wiedergutmachung. "Was bin ich wert?", fragt Riddick. "Die Kinder, die ich nicht haben konnte - was sind die wert?" Geld kann ein Leben nicht aufwiegen, sagt Cooper. Auch müsse der Staat seine geschrumpften Ressourcen beachten: Über die nächsten zwei Jahre droht North Carolina ein Haushaltsloch von 4,4 Milliarden Dollar. Eine Wiedergutmachung von 20.000 Dollar pro Opfer - der derzeit diskutierte Betrag - entspräche bei 3000 Überlebenden 60 Millionen Dollar. Deshalb erwägt die Stiftung auch andere Optionen, etwa freien Zugang zu Gesundheits-, Renten- und Sozialleistungen.

Das Stigma bleibt. Viele Menschen in North Carolina, berichtet Cooper, weigerten sich weiter, über die Sterilisierungen zu reden - aus Angst, dann als "promisk" oder als "Kinderschänder" zu gelten. Andere sähen die Sterilisierungen bis heute als einen "Dienst an der Allgemeinheit" an.

"Ich verstecke mich immer noch", sagt Elaine Riddick. "Es hat dazu geführt, dass ich mich selbst nicht leiden kann. Und ich glaube nicht, dass ich mich jemals wieder leiden kann.">



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-- August Forel, Rassist und Sterilisationsbefürworter: http://www.ronaldbrucemeyer.com/rants/0901almanac.htm
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-- Pro Juventute-Briefmarken 1915: http://www.swissphila.ch/ch19001950.html

-- August Forel auf 1000-Franken-Note: http://www2.rz.hu-berlin.de/sexology/Home_DE/Startseite/Geschichte/Pioniere/Forel/forel.htm
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-- Lesben Kuss: http://www.personal.psu.edu/users/t/d/tdp135/advice1.htm
-- Schwule Kuss: http://gay.blogs.sapo.pt/arquivo/2004_11.html

-- Margrith von Felten, Portrait: http://www.gruenesbuendnis.ch/fr_mitglieder/vonfe.htm

-- Heirat Lesben: http://www.lgbta.org.vt.edu/ftmd/ftmd2004.html
-- Heirat Schwule: http://www.qui-se-soucie-de-moi.fr/blog/Cali/Roam.php

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