19.2.2026:
Vorlesen fördert die Konzentrationsfähigkeit und den
Wortschatz:
Entwicklung: «Erkenne sofort, ob einem Kind
vorgelesen wurde oder nicht»
https://www.20min.ch/story/lehrer-erkennen-sofort-ob-kindern-vorgelesen-wird-was-steckt-dahinter-103475052
Laura Zygmunt --
Michelle de Oliveira -- Auf Social
Media behaupten Lehrpersonen, dass sie sofort merken,
welchen Kindern vorgelesen wird. Ob das wirklich stimmt
und welche Vorteile Vorlesen mit sich bringt.
«Ich kann nicht sagen, ob ein Kind gestillt wurde oder
nicht, aber ich erkenne sofort, ob einem Kind vorgelesen
wurde oder nicht.» Das sagt ein britischer Lehrer auf
Tiktok und trifft einen Nerv der Zeit. Knapp 260'000
Menschen haben sein Video gesehen. Ob er wirklich der
Erste ist, der diese These aufstellt, ist unklar – auf
Social Media finden sich zig andere Videos mit der
identischen Aussage.
Ein solches Video teilt beispielsweise auch Creatorin
Jenni auf Tiktok. Ihr deutschsprachiges Tiktok hat über
400'000 Aufrufe und über 600 Kommentare.
«So ein guter Satz, aber wann sollte man anfangen
vorzulesen?», fragt jemand in der Kommentarspalte. «Mein
Kind ist zwei Jahre alt und hört mir leider gar nicht
zu, wenn ich vorlese», schreibt jemand anderes. «So ein
Quatsch, das erkennt man nicht», lautet die Meinung
einer anderen Person.
Tipp: Kinder- und Jugendbuchfestival in Zürich
Wer das Vorlesen nicht nur im Kinderzimmer, sondern
gemeinsam mit anderen Familien feiern möchte, bekommt in
Zürich eine passende Gelegenheit: Dort findet demnächst
das Festival «Kinder lesen» statt und lädt zu 12
Lesungen für Kinder und Jugendliche von 0 bis 14 Jahren
ein. Dazu kommen eine grosse Bücherschau, Kalligrafie-
und Handlettering-Workshops und die Buchvernissage von
Globis neuem Kinderbuch.
Samstag, 28. Februar 2026
9.30 bis 16.00 Uhr im Volkshaus Zürich
www.kinderlesen.ch
Merken Lehrpersonen, wem vorgelesen wird und wem nicht?
Wir haben beim Dachverband Lehrerinnen und Lehrer
Schweiz (LCH) nachgefragt, ob Lehrpersonen in der Schule
wirklich merken, ob einem Kind vorgelesen wird oder
nicht. «Aus unserer Sicht kann eine Lehrperson zwar
gewisse Anzeichen erkennen, diese lassen aber keine
eindeutigen Rückschlüsse darauf zu, ob dem Kind zu Hause
vorgelesen wird oder nicht», antwortet Dr. Beat A.
Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle.
Die individuelle Sprachentwicklung hänge von vielen
Faktoren wie der familiären Zeit, dem Zugang zu Büchern
und der allgemeinen Förderung ab.
Aber: «Kinder, denen regelmässig vorgelesen wird,
verfügen oft über einen breiteren Wortschatz und
differenzierte Satzstrukturen», so der Experte. «Sie
zeigen häufig eine längere Konzentrationsspanne beim
Zuhören, stellen aktive Nachfragen und erzählen
Erlebnisse mit einem klaren roten Faden.»
Auch wenn es für die Eltern manchmal anstrengend sein
kann: Vorlesen lohnt sich.
Auch wenn es für die Eltern manchmal anstrengend sein
kann: Vorlesen lohnt sich.Pexels/Kindel Media
Und wie sieht es im umgekehrten Fall aus? «Ein weniger
sicherer Wortschatz oder Mühe mit längeren mündlichen
Aufträgen dienen als mögliche Hinweise darauf, dass
einem Kind wenig oder nicht vorgelesen wird», sagt Dr.
Beat A. Schwendimann. «Das ist aber keine Diagnose.»
Weitere Hinweise können sein, dass betroffene Kinder
teilweise weniger Ausdauer im Umgang mit Texten oder
eine geringere Vertrautheit mit Erzählformen zeigen.
«Diese Beobachtungen hängen stark vom Umfeld und den
bisherigen Lernerfahrungen ab.» Pisa-Auswertungen für
die Schweiz verdeutlichen, dass die Lesefreude eng mit
der Kompetenz im Umgang mit Texten verknüpft ist.
So klappt es zu Hause mit dem Vorlesen
Früh anfangen: Mit dem Vorlesen oder
dem Erzählen von Bilderbüchern soll man möglichst früh
anfangen, bereits im Babyalter. Die Auswahl der Bücher
kann man je nach Interessen und Ausdauer mit der Zeit
anpassen.
Regelmässigkeit und Rituale: «Ein
kurzes tägliches Ritual von fünf bis zehn Minuten ist
wirksamer als seltene lange Einheiten. Das gemeinsame
Betrachten von Bildern und einfache Gespräche über den
Inhalt von Geschichten sind bereits wertvoll», rät Dr.
Beat A. Schwendimann.
Auch im Schulalter nicht aufhören
vorzulesen: «Für Kinder ist es ungemein hilfreich, dass
ihnen während der Zeit, in der sie in der Schule lesen
lernen, weiterhin vorgelesen wird», sagt Barbara Jakob,
wissenschaftliche Mitarbeiterin des SIKJM. Der Prozess
des Lesenlernens sei sehr anstrengend und langwierig. Da
sei das Vorlesen wie ein «Geschenk» und helfe den
Schülerinnen und Schülern. «Erfahrungsgemäss ist das
jedoch genau der Moment, in dem Eltern aufhören
vorzulesen, da sie denken, das Kind muss das jetzt
selbst lernen.»
Auch wenn die Kinder selber lesen lernen, sollen Eltern
oder andere Bezugspersonen weiterhin vorlesen.
Auch wenn die Kinder selber lesen lernen, sollen Eltern
oder andere Bezugspersonen weiterhin vorlesen.Pexels/Ron
Lach
Vorlesen macht schlau
Fakt ist: Vorlesen bringt eine ganze Reihe von Vorteilen
mit sich. Die Ärztin Maria Bordelius zählt in einem
Tiktok-Video einige davon auf: «Vorlesen macht dein Kind
schlauer, es schafft Nähe und vergrössert den
Wortschatz.» Kinder lernen durch Geschichten, Gefühle zu
erkennen und zu benennen. Durch das Zuhören und
Stillsitzen üben sie ausserdem, sich zu konzentrieren
und bei der Sache zu bleiben.
Es gibt ausserdem zahlreiche Studien, welche die
Vorteile des Vorlesens belegen, etwa dass es
nachweislich die schulischen Leistungen verbessert.
«Regelmässiges Vorlesen unterstützt das
Sprachverständnis massgeblich und erleichtert den
Einstieg in das Lesen und Schreiben», ergänzt Dr. Beat
A. Schwendimann.
Auch Alltagsgeschichten helfen Kindern
Beim Vorlesen geht es nicht nur um Bildung: «Wer Bücher
vorliest, bietet Kindern Nähe und Aufmerksamkeit und
schafft einen Raum, in dem sie sich sicher und geborgen
fühlen können», schreibt das Schweizerische Institut für
Kinder- und Jugendmedien (SIKJM) auf seiner Website.
Ausserdem werden die Empathiefähigkeit sowie die
sozialen und emotionalen Kompetenzen gefördert. Das
Institut führt am 27. Mai seinen neunten Schweizer
Vorlesetag durch. Das gemeinsame Vorlesen soll nicht nur
Menschen verbinden und den Austausch fördern, sondern
auch darauf aufmerksam machen, wie wichtig Vorlesen für
die kindliche Entwicklung ist.
Mit dem Vorlesen soll man ganz früh beginnen, aber auch
Familien, die im Alltag viele Geschichten erzählen und
miteinander kommunizieren, geben ihren Kindern ein gutes
Sprachgefühl mit.
Mit dem Vorlesen soll man ganz früh beginnen, aber auch
Familien, die im Alltag viele Geschichten erzählen und
miteinander kommunizieren, geben ihren Kindern ein gutes
Sprachgefühl mit.Pexels/Lina Kivaka
Doch es ist nicht alles ans Vorlesen geknüpft:
«Familien, die im Alltag sprachlich viel miteinander
kommunizieren und tolle Geschichtenerzähler sind, geben
ihren Kindern ebenfalls viel Sprache mit», erklärt
Barbara Jakob, wissenschaftliche Mitarbeiterin des
SIKJM. Diese Sprache sei jedoch mehr mit der
Alltagssprache verknüpft als mit der literarischen,
welche in Büchern zu finden ist. Da die literarische
Sprache näher an der Bildungssprache ist, hilft das
Kindern später im Schulkontext.»