1.4.2018: Giraffen vom Aussterben
bedroht: Wilderei und Giraffenkrankheit in der
Subsahara: Die eleganten Riesen der Savanne werden ausgerottet!
– Giraffes are facing ’silent extinction‘
https://netzfrauen.org/2018/04/01/giraffen-2/
<Giraffen gehören zu den größten
Tierarten der Erde – trotzdem können sie sich nicht
vor dem Aussterben schützen.
Die Zahl der Giraffen schwindet auf Grund von
Lebensraumverlust und Wilderei in ihrer gesamten
Verbreitung. Doch auch ihre Schwänze und andere
Körperteile werden in Europa und anderen Teilen der Welt
gehandelt. Hinzu kommt der Handel mit dem Buschfleisch.
Die majestätischen Tiere ersticken in
Drahtfallen oder werden von hinten mit Macheten zu Fall
gebracht und geschlachtet. Ihr Fleisch wird auf Märkten
verkauft, ein Handel, der sie ebenfalls aussterben
lässt. Jetzt kommt noch eine mysteriöse
Giraffen-Krankheit hinzu. Die mysteriöse Krankheit,
die in Subsahara-Afrika weit verbreitet ist, verursacht
gräuliche, krustige Läsionen an Giraffenhälsen und
-beinen. Es ist nicht bekannt, welche
umweltbedingten Faktoren dafür verantwortlich sind oder
ob es sich um eine Zusammenstellung verschiedener
Krankheiten handelt, die die Haut der größten Säugetiere
der Welt angreifen. Die Anzahl der lebenden
Giraffen ist in den vergangenen 15 Jahren bereits um
40 % gesunken.
Giraffen stehen vor der heimlichen Ausrottung
Giraffen stehen vor der heimlichen Ausrottung: Nur noch
90 000 Tiere durchstreifen die afrikanischen
Ebenen, wesentlich weniger als im Fall des bedrohten
afrikanischen Elefanten, warnte bereits
2016 eine Dokumentation der BBC, moderiert von Sir
David Attenborough, der ein Team von Tierschützern
begleitete, die eine Gruppe von 20 Tieren auf die andere
Seite des Nil in Uganda umsiedelten in der Hoffnung,
dass sie dort vor Ölschürfern sicher waren.
15 Jahre zuvor hatte es noch circa 150 000
wildlebende Giraffen gegeben, aber seitdem ist ihre
Anzahl um 40 % gesunken durch Verlust des natürlichen
Lebensraums und durch Wilderei.
„Diese sanften Riesen wurden vernachlässigt,“ sagte Sir
David. „Dass afrikanische Elefanten bedroht sind
und es von ihnen weniger als eine halbe Million gibt,
ist bekannt. Aber was niemand wirklich begriffen hat,
ist, dass es beträchtlich weniger Giraffen gibt. In
sieben Ländern sind die Giraffen bereits ausgestorben.
Sie werden wegen ihres Fleischs getötet und ihre
Lebensräume werden zerstört. Die Zeit läuft uns davon.“
Trapped
in a snare, a dead giraffe lies prostrate with
its head removed. In certain parts of Africa the heads
and bone marrow from the creatures are prized as a
cure for Aids
In Tansania
können die Köpfe von Giraffen und Knochen einen hohen
Preis erzielen, da einige Leute glauben, dass
ihr Knochenmark Aids heilen kann. Viele Giraffen
werden für süßes und beliebtes Fleisch getötet.
Jeder denkt, dass sie überall sind. Aber die Zahlen
fallen stark. Eine Welt ohne Giraffen wäre wirklich eine
traurige. In sieben Ländern Afrikas sind sie schon
ausgestorben.
Obwohl die Zahl der noch lebenden Giraffen ein
Fünftel derer der afrikanischen Elefanten beträgt,
wird die Notwendigkeit der Rettung immer noch als „von
geringstem Interesse“ beurteilt.
Giraffenexperte Dr. Julian Fennessey,
geschäftsführender Direktor der Stiftung zur Rettung der
Giraffen: „Ich bin vollkommen erschüttert darüber,
dass niemand einen Plan hat. Dieses ist ein Aussterben,
das still und heimlich geschieht, und einige
Populationen haben weniger als 400 Tiere. Dieses Tier
ist gefährdeter als jeder Gorilla oder fast jedes andere
große Säugetier der Welt.
Mysteriöse Giraffen-Krankheit
Die mysteriöse Hautkrankeit, die in Subsahara-Afrika
weit verbreitet ist, verursacht gräuliche, krustige
Läsionen an Giraffenhälsen und -beinen. Darüber
berichtet nationalgeographic.com am
30. März 2018. Noch sei die Ursache für die
blutigen Läsionen unbekannt. Auch weiß man nicht, ob
diese Hautkrankheit ebenfalls zum Rückgang der
größten Säugetiere der Welt beiträgt. Aber die
Wissenschaftler sind sich sicher, dass es eine weitere
Bedrohung für die ohnehin schon gefährdeten Giraffen
darstellen könnte.
Nachdem sie mehrere online-wissenschaftliche
Datenbanken durchforstet hatten, fanden Arthur
Muneza, Biologe und auf Giraffen
spezialisiert, und seine Kollegen nur acht Quellen,
die die Hautkrankheit in wilden Populationen aus den
1990er Jahren erwähnen. Das Team sandte Fragebögen an
Forscher, Naturschützer und Tierärzte, die mit Giraffen
arbeiteten, um mehr über diese Krankheit zu erfahren.
Sie erhielten 63 Antworten, davon 48 aus Zoos. Von
diesen hatten über 30 Prozent der Befragten
Hauterkrankungen bei Giraffen in Gefangenschaft gesehen,
und von diesen Fällen waren 70 Prozent
Giraffenhauterkrankungen. Bei wilden Giraffen
hatten Wissenschaftler die Krankheit in sieben Ländern
südlich der Sahara entdeckt.
Zum Beispiel, während keine Fälle der Krankheit in drei
Nationalparks oder Naturschutzgebieten im
Nordwesten Tansanias
verzeichnet waren, berichtete der zentral gelegene
Ruaha National Park, dass 79 Prozent ihrer
Masai-Giraffen infiziert waren. Es ist nicht
bekannt, ob die Inzidenz der Erkrankung in den letzten
Jahren zugenommen hat.
Ausgerüstet mit diesen Daten arbeiten Muneza und sein
Berater Robert
Montgomery nun mit Zoos, Universitäten und
afrikanischen Regierungen zusammen, um Proben von
infizierten Giraffen zu sammeln und Ursachen und
Auswirkungen der Krankheit zu ermitteln.
Die Läsionen könnten zum Beispiel die Giraffen weniger
beweglich machen und diese wären somit einfache Beute
für die Raubtiere, so Montgomery
Notes. Zum Beispiel könnte die Untersuchung
einer Population von Giraffen mit einem hohen Auftreten
der Krankheit zeigen, dass die Population stark gelitten
hat oder Opfer von Umweltveränderungen sei.
— Sir Harry Flashmann (@Sir_H_Flashman) 30.
März 2018
Eine der am stärksten bedrohten Populationen ist eine
Gruppe von weniger als 1000 Rothschild-Giraffen, die im
Murchinson Falls Nationalpark in Uganda lebt. Alle
Tiere leben auf einer Seite des Nil, aber der Boden
unter ihnen beherbergt über 75 % des entdeckten
ugandischen Öls. Uganda hat
grünes Licht für die Ausbeute der Ölressourcen
erteilt und hofft so auf einen Geldsegen für die
klamme Staatskasse. Beteiligt sind europäische
Ölkonzerne, die den Kampf gegen die chinesischen
Ölkonzerne gewonnen haben. Siehe: Traurig! Wir haben den Kampf verloren!
Öl gegen Gorillas – Oil versus gorillas
Julian Fennessy: „Während Giraffen auf Safaris,
in Zoos und in den Medien relativ häufig zu sehen sind,
ist den meisten Menschen nicht bewusst, dass diese
majestätischen Tiere von einer stillen Ausrottung
bedroht sind“.
Giraffen müssen ihre
Umgebung ständig im Blick behalten, um Feinde wie etwa
Löwen rechtzeitig zu bemerken. Dabei hilft ihnen eine
in Afrika weit verbreitete Vogelart. Laut Studiendaten
aus Österreich lernen Giraffen, die Alarmrufe der
kleinen Vögel zu deuten.
Die Giraffen in Südafrika leben in einer symbiotischen
Beziehung mit dem Rotschnabel-Madenhacker.
Die kleinen Singvögel sind bekannt dafür, dass sie sich
gerne auf den Rücken größerer Tiere setzen. „Dort
ernähren sie sich von den Parasiten, zum Beispiel den
Zecken der Giraffen. Und im Gegenzug werden diese
Krankheitserreger eben von den Vögeln entfernt“, erklärt
der Biologe Anton Baotic von der
Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) im
Gespräch mit ORF Wissen.
Sowohl die Giraffen als auch die Vögel profitieren also
voneinander. Baotic wollte nun aber klären, ob ihre
Zusammenarbeit noch darüber hinausgeht. In der
südafrikanischen Savanne fiel ihm auf, dass einige
Giraffen erst dann auf den Forscher aufmerksam wurden,
wenn die Vögel auf ihrem Rücken Alarm schlugen. „Da
wollte ich dann einfach wissen: Verstehen die Giraffen
die Warnrufe der Vögel tatsächlich als solche?“
Giraffen hören auf Vogelpartner
Um das zu klären, führte Baotic sogenannte „Playback
Experimente“ durch. In mehreren Reservaten mit Giraffen
wartete er, bis die Tiere entspannt und unachtsam waren,
weil sie zum Beispiel gerade fraßen, und spielte ihnen
dann aufgenommene Warnrufe der Rotschnabel-Madenhacker
vor.
ÖAW, Baotic
Giraffen und
Rotschnabel-Madenhacker haben eine symbiotische
Beziehung
Das Ergebnis, das der Biologe gemeinsam mit der
Bioakustikerin Georgine Szipl vor Kurzem auch in einer Studie im Fachjournal
„BMC Biology“ präsentierte, war laut Baotic eindeutig.
„Sobald die Warnrufe abgespielt wurden, haben die
Giraffen aufgehört zu fressen, haben ihren Kopf gehoben
und versucht, den Warnruf zu lokalisieren und zu
verstehen, aus welcher Richtung er kommt.“ In dieser
Warnhaltung blieben die Giraffen so lange, bis sie sich
wieder sicher fühlten.
Auch Giraffen lernen dazu
So gut wie alle Giraffen reagierten auf die Alarmrufe
der Vögel, wie achtsam sie dadurch wurden, hing aber
scheinbar auch von ihren bisherigen Erfahrungen mit
Raubtieren ab. Die Studie wurde in Reservaten mit Löwen,
aber auch in solchen ohne durchgeführt. „Die Giraffen,
die in den Reservaten mit Löwen leben, haben wesentlich
intensiver reagiert“, so Baotic. „Sie verharren länger
in einer aufmerksamen Haltung.“
Giraffen, die in der Nähe zu Raubtieren leben, müssen
scheinbar erst lernen, die Warnsignale der Vögel
entsprechend zu deuten.
Erfahrung verstärkt Verhalten
Diesen Lerneffekt konnten Baotic und Szipl auch in
einer weiteren Studie im Fachjournal
„Frontiers in Ecology and Evolution“ aufzeigen. Anstatt
der Vogelwarnrufe wurde den Giraffen in Südafrika dabei
Löwengebrüll vorgespielt.
Alle Giraffen zeigten eine sofortige Reaktion auf die
Raubtierlaute – selbst jene, die in löwenfreien Gebieten
lebten. Aber auch in diesem Experiment zeigte sich:
Giraffen, die regelmäßig mit Löwen konfrontiert waren,
blieben deutlich länger wachsam. „Das unterstreicht,
dass Giraffen nicht nur über eine angeborene
Sensibilität für gefährlich klingende Laute verfügen,
sondern dass Erfahrung ihr Verhalten zusätzlich
verstärkt“, erklärt Baotic.
Zum Schutz der Giraffen
Die Erkenntnis, dass auch Giraffen erst lernen müssen,
richtig auf Raubtiere in der Umgebung zu reagieren und
die Warnrufe ihrer Vogelpartner zu deuten, sei auch in
Sachen Naturschutz wichtig. Denn wenn Raubtiere aus
einem Ökosystem verschwinden, verlieren die Giraffen die
Fähigkeit, Gefahr zu erkennen und angemessen darauf zu
reagieren. „Wir sprechen von einer sogenannten
ökologischen Amnesie, die diesen Verlust der
Verhaltenskompetenz erklärt“, so Baotic.
Das zu bedenken, sei in den Reservaten aber durchaus
wichtig. „Es kommt dort oft vor, dass Giraffen von einem
Reservat ins nächste gebracht werden, ohne dabei zu
berücksichtigen, dass die Tiere vielleicht gewisse
Erfahrungen mit Löwen hatten oder eben nicht“, erklärt
der Biologe. Giraffen, die nie mit Löwen konfrontiert
waren, sind weniger wachsam, da sie nicht gelernt haben,
die Warnrufe der Rotschnabel-Madenhacker mit Gefahr in
Verbindung zu bringen. „Und da kann ich mir vorstellen,
dass die Studien dabei helfen, Naturschutzmaßnahmen zu
setzen.“
Artenübergreifende Kommunikation
Baotic geht auch davon aus, dass es eine derartige
artenübergreifende Kommunikation nicht nur zwischen den
südafrikanischen Giraffen und den
Rotschnabel-Madenhackern gibt, sondern auch noch
zwischen vielen anderen Tierarten, die regelmäßig in
einem Ökosystem miteinander zu tun haben.
„Tiere sind intelligenter als wir glauben. Jede Art
hat zwar ihre eigenen Kommunikationsarten und
-frequenzen, sie können aber durchaus auch die Laute
anderer Arten wahrnehmen und zum Teil eben auch
richtig interpretieren. Das ist also alles sehr
vielschichtig und komplex und wir beginnen in der
Wissenschaft gerade erst, diese Zusammenhänge genauer
zu verstehen“, sagt der Biologe Anton Baotic.
Raphael Krapscha, ORF Wissen
Dieser Beitrag begleitet die Sendungen „Guten
Morgen mit Ö1“ und „Wissen Aktuell“, Ö1, 6. November
2025.