Hirnentwicklung am 16.3.2026: Handy
scrollen bei Jugendlichen ergibt eine Sucht nach
Belohnung - ergibt psychische Instabilität:
"Schlafprobleme,
Konzentrationsschwierigkeiten, innere Unruhe,
steigender sozialer Druck, ein fragileres
Selbstwertgefühl":
Deshalb ist Handy-Scrollen für Jugendliche so
schädlich
https://www.nau.ch/lifestyle/gesellschaft/deshalb-ist-handy-scrollen-fur-jugendliche-so-schadlich-67104847
Maria Brasser -- Zürich -- «In der Debatte über
Bildschirmzeit am Handy geht es nicht um Moral. Es
geht um Gehirnentwicklung.» Eine Kolumne von Maria
Brasser.
Neurowissenschaftlerin Dr. Maria
Brasser schreibt auf Nau.ch Kolumnen.
In ihrer Kolumne schreibt sie
darüber, was zu viel Handyzeit bei Jugendlichen
anrichtet.
«Aaaaaahhhhh!». Haben Sie sich schon einmal gefragt,
warum Jugendliche kreischen, wenn sie einen Popstar
sehen? Die Antwort ist nicht, weil die Jugendlichen
übertreiben. Die Antwort liegt im Gehirn.
Das jugendliche Gehirn ist kein kleines Erwachsenenhirn.
Es ist sozusagen eine Grossbaustelle mit radikalen
Umstrukturierungen. Und auch eine Phase, in der sich
entscheidet, wer wir einmal sein werden!
Jahre in der Jugend sind entscheidend
Die Jugend ist kein also Nebenkapitel. In dieser Zeit
werden zentrale neuronale Strukturen gelegt, die uns ein
Leben lang begleiten: Selbstkontrolle,
Entscheidungsfähigkeit, Emotionsregulation, und
insbesondere auch Identität.
Natürlich verändert sich das Gehirn auch später noch.
Aber diese Jahre sind sehr entscheidend.
Hohe Unfallwahrscheinlichkeit
Wer Jugendliche beobachtet, sieht manchmal scheinbar
widersprüchliches Verhalten: Manchmal brillante
Gedanken, dann wieder plötzliche sehr impulsive
Entscheidungen, grosses Feingefühl. Und gleichzeitig
wieder völlige Selbstüber- oder Unterschätzung.
Auch die Unfallwahrscheinlichkeit ist in dieser Phase um
300 Prozent erhöht. Die sogenannte «Age-Crime-Curve» hat
ihren Höhepunkt zwischen 15 und 20 Jahren.
Scrollen am Handy
Das Scrollen am Handy hat Folgen fürs Gehirn. Besonders
bei den Jugendlichen. - zvg
Wirkt das Verhalten widersprüchlich? Vielleicht Ja. Aber
neurobiologisch ist dies sehr gut erklärbar.
Im Jugendalter reifen die emotionalen und motivierenden
Systeme schneller als die Kontrollsysteme im
Frontallappen.
Das sogenannte «Mismatch»-Modell beschreibt genau dieses
Ungleichgewicht: Das Gaspedal funktioniert bereits
hervorragend, die Bremse wird erst später fertig
eingebaut.
Jeder Swipe verspricht etwas Überraschendes
Und genau hier trifft die digitale Welt ins Schwarze.
Endloses Scrollen (bei Jugendlichen laut Studie vier bis
fünf Stunden pro Tag) ist ein perfekt designter
Dopamin-Trigger («Belohnungsmittel» im Gehirn).
Jeder Swipe verspricht etwas Neues und etwas
Überraschendes. Oder vielleicht etwas Relevantes. Das
Gehirn lernt dabei: Noch ein Scroll und noch ein Video.
Vielleicht kommt ja gleich der nächste Treffer?
Normale Welt wird langweilig
Mit der Zeit verschiebt sich dabei die Sensibilität des
dopaminergen Systems, also unserem Belohnungssystem.
Unsere normale Welt scheint auf einmal grau und fad. Was
langsam ist, wird langweilig. Was Anstrengung braucht,
verliert an Reiz.
Schule, Lesen, längere Konzentration, ein normales
Gespräch ohne ständige Reizwechsel, all das
kann mit der schnellen Belohnungsfolge digitaler
Plattformen kaum mithalten.
Die Folgen sehen wir immer häufiger: Schlafprobleme,
Konzentrationsschwierigkeiten, innere Unruhe,
steigender sozialer Druck, ein fragileres
Selbstwertgefühl. Und wachsende Belastungen
der mentalen Gesundheit.
Und das alles in einer Phase, in der das Gehirn
eigentlich etwas anderes tun sollte. Nämlich die
Persönlichkeit entwickeln.
Wo steckt unsere Persönlichkeit?
An dieser Stelle lohnt sich ein Blick in die Geschichte
der Neurowissenschaft. 1848 schoss eine Eisenstange
durch den Schädel des amerikanischen Bahnarbeiters
Phineas Gage. Sie zerstörte grosse Teile seines
Frontalkortex. Gage überlebte.
Eisenstange im Schädel: Bahnarbeiter Phineas Gage. -
zvg
Er konnte weiter sprechen, lesen, arbeiten. Aber seine
Persönlichkeit veränderte sich dramatisch. Aus einem
zuverlässigen, sozialen und ausgeglichenen Mann wurde
jemand, der impulsiv, unberechenbar und sozial schwierig
war.
Natürlich bohrt sich heute keine Eisenstange durch die
Köpfe unserer Jugendlichen.
Aber die provokante Frage lautet: Was passiert, wenn ein
Gehirn in seiner empfindlichsten Entwicklungsphase über
Jahre permanent auf Sofortbelohnung trainiert wird,
während genau jene Hirnregion noch reift, die für
Steuerung, Reflexion und Persönlichkeitsentwicklung
zuständig ist?
Es geht nicht nur um Bildschirmzeit
Denn genau dort liegt der neuralgische Punkt. Es geht
nicht nur um Bildschirmzeit. Es geht nicht nur um ein
paar harmlose Stunden auf TikTok. Es geht um eine
Umgebung, die neurobiologisch perfekt darauf
zugeschnitten ist, ein unreifes Belohnungssystem maximal
zu aktivieren.
Das jugendliche Gehirn trifft auf eine Technologie, die
es besser versteht, als ihm lieb sein kann.
Darum geht es in der Debatte über Bildschirmzeit nicht
um Moral.
Es geht um Gehirnentwicklung. Und damit stellt sich eine
wichtige Frage: Was brauchen Jugendliche eigentlich in
dieser Phase? Vor allem echte Erfahrungen.
Das Jugendalter ist die Zeit, in der Menschen die Welt
entdecken, Freundschaften vertiefen, sich ausprobieren,
Risiken eingehen, sich verlieben, scheitern und wieder
aufstehen.
Genau diese Erfahrungen formen das Gehirn und damit auch
Persönlichkeit und Identität.
Sport, Musik, intensive Gespräche, Herausforderungen,
Abenteuer, gemeinsames Lachen, auch Langeweile: All das
sind Erfahrungen, an denen ein junges Gehirn wächst.
Grenzen und Beziehungen
Und noch zwei Dinge sind essenziell, nämlich Grenzen und
Beziehungen.
Grenzen sind nicht einfach Einschränkungen. Für ein
Gehirn, das sich noch im Umbau befindet, sind sie
Orientierung und Struktur. Eine Art externes
Steuerungssystem, solange das eigene noch im Aufbau ist.
Jugendliche brauchen deshalb nicht nur Freiheit, um sich
zu entfalten. Sie brauchen auch Erwachsene (Eltern,
Lehrpersonen, Trainer), und eine Gesellschaft, die
Verantwortung übernehmen.
Bezugspersonen, die Orientierung geben und einen
sicheren Hafen bieten, zu dem sie immer wieder
zurückkehren können.
Kurz: Beziehungen, die tragen und auch für ihr späteres
Leben den Unterschied machen. Denn das Jugendalter ist
kein Problem, das man überstehen muss. Es ist vielleicht
die entscheidendste Entwicklungsphase unseres Lebens.
Und vielleicht sollten wir uns öfter fragen: Würden wir
wirklich zulassen, dass ein grosser Teil davon im
endlosen Scrollen vergeht? Wenn wir wüssten, wie
empfindlich diese Phase für die Entwicklung von
Persönlichkeit, Selbstkontrolle und mentaler Gesundheit
ist.